"Die Tänzerin" von Guillaume Apollinaire

Einst las ich bei einem alten Autor diese Geschichte vom Tod Salomes, vielleicht ist sie wahrheitsgetreu, vielleicht eine Legende …

So geschah es, dass sie eines Tages allein am Ufer des gefrorenen Flusses umherirrte und da sie dem blauschimmernden Eis nicht widerstehen konnte, machte sie einen Sprung und tanzte. Wie immer war sie reich geschmückt und mit Goldketten behängt, die aus winzigen Plättchen bestehen, gleich jenen, die später venezianische Juweliere herstellten, wobei sie schon mit dreißig Jahren an ihrer Arbeit erblindeten. Sie tanzte lange, stellte Liebe, Tod und Wahnsinn dar. Und wirklich schien es, als sei ein wenig Wahnsinn in ihrer Grazie und Schönheit. Die Bewegungen ihres ranken Körpers begleitend, vollführten ihre Hände cheironomische Gesten. Sehnsüchtig stellte sie noch einmal die langsamen Bewegungen der Olivenfrauen Judäas dar, die mit Handschuhen bekleidet und am Boden kauernd die reif herabregnenden Oliven sortierten.
Dann versuchte sie mit halboffenen Augen beinahe vergessene Schritte: jenen verdammenswerten Tanz, der ihr einst den Kopf des Täufers einbrachte. Plötzlich brach das Eis unter ihr und sie fiel in die Donau, aber so, dass ihr Körper untergetaucht war, während ihr Kopf über dem Eis blieb, das bald wieder näherkam und sich schloss. Ein paar entsetzliche Schreie schreckten die großen Vögel mit schwerem Flug und als die Unglückselige verstummte, schien ihr Kopf abgeschnitten und auf ein silbernes Tablett gelegt.
Die Nacht kam klar und kalt. Die Sternenbilder leuchteten. Wilde Tiere schlichen um die Sterbende, noch sah sie sie mit Schrecken an. Schließlich wandte sie mit letzter Kraft ihre Augen von den irdischen Bären, blickte zu den Bären des Himmels und hauchte ihr Leben aus.  (Guillaume Apollinaire)