Alles Schicksal?


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In Giuseppe Verdis „Die Macht des Schicksals“ stürzen unglückliche Fügungen die Welt immer weiter ins Chaos. Dramaturgin Marlene Hahn hat die Solist:innen Aldo di Toro, Mareike Jankowski, Timo Riihonen, Aurelia Florian und Jordan Shanahan vor der Premiere am 2. Oktober gefragt, wie sie es mit der Macht des Schicksals halten.

 

Erlebtest du jemals einen schicksalhaften Moment?
Aldo Di Toro Meine größten Schicksalsmomente waren, als ich meine Opernstipendien in Sydney, Australien, gewonnen habe, um in Bologna und Graz zu studieren. Ich konnte meinem Traum, Opernsänger zu werden und in Europa zu leben, entgegenfliegen.

Jordan Shanahan Ich denke, dass viele Momente in unserem Leben als „schicksalhaft“ bezeichnet werden können. Ob es der Moment ist, in dem ich meine Frau getroffen habe, oder als ich mich entschied, mein Zuhause und meine Familie auf Hawaii zu verlassen, um eine Karriere als Sänger zu verfolgen … oder als ich einen schlimmen Unfall überlebte. Mein Leben wurde von unzähligen solcher Momente tiefgreifend beeinflusst.

 

Glaubst du an das Schicksal?

Mareike Jankowksi Ich glaube an gewisse Zeichen und Fügungen, die mein Leben irgendwie lenken und bereichern, und ich versuche, sie für mich zu deuten, allerdings mit Vorsicht, eher spielerisch, denn den Glauben an die eigene Entscheidungsfreiheit lasse ich mir dann doch nicht nehmen. Inwieweit diese wiederum wirklich frei ist, wäre eine weitere Überlegung wert …

Timo Riihonen Tief im Inneren glaube ich an die Wissenschaft, die natürliche Welt und an die Menschen. Aber in der Welt gibt es Dinge, die aus einem bestimmten Grund zu geschehen scheinen. Das Schicksal ist eine knifflige Sache. Ich glaube, dass das Schicksal dem menschlichen Handeln unterworfen ist. Deshalb glaube ich, dass wir zum Beispiel die Welt durch unser Handeln vor dem Klimawandel retten können. Es ist wunderbar, in einer Zeit zu leben, in der all das Wissen und die Technologie dafür zur Verfügung stehen. Wir sind so weit gekommen, sorgen wir gemeinsam dafür, dass die kommenden Generationen eine bessere Welt vorfinden. Das soll unser Schicksal sein. 

Aurelia Florian Ich glaube, dass die Vorsehung der Endpunkt einer Reise ist und das Schicksal der Weg, den wir gehen, um unsere Vorsehung zu erfüllen. Natürlich habe ich auf meinem Lebensweg Menschen getroffen oder Ereignisse erlebt, die zu einer Lebenslektion beigetragen haben. Was ich also tun kann, ist, die Vorsehung zu akzeptieren und zu versuchen, so schön wie möglich im Einklang mit dem Schicksal zu leben.

Jordan Shanahan Ich glaube eher an persönliche Entschlossenheit als an vorherbestimmte Schicksale. Ich denke, dass wir unser eigenes Schicksal durch die Entscheidungen und Maßnahmen schaffen, die wir jeden Tag treffen. Aber ich könnte mich irren …

 

Bist du abergläubisch?
Aurelia Florian Ich bin mir nicht sicher, ob ich glauben soll, dass ich abergläubisch bin oder nicht. Schwarze Katze, Hufeisen, sag nie „Macbeth“ in einem Theater, Sternschnuppe, vierblättrige Kleeblätter. Natürlich glaube ich an viele dieser Aberglauben nicht, aber vielleicht sollte ich mir trotzdem Salz über die Schulter werfen. Man kann nie zu sicher sein.

Jordan Shanahan Ich bin da bei Aurelia. Ich bin nicht abergläubisch und gleichzeitig tue ich vieles … Ich sage beispielsweise nur „Scottish Play“ und niemals den Originaltitel, oder manchmal suche ich nach einem verbogenen Nagel auf der Bühne vor einer Premiere. Oder ich halte mich an hawaiianische Rituale und esse zu bestimmten Zeiten gewisse Lebensmittel nicht oder trage traditionelle Ornamente wie einen geschnitzten Angelhaken, der mir Glück bringen soll. Also bin ich vielleicht doch ein klein wenig abergläubisch?

 

Hast du Rituale als Sänger, bevor du auf die Bühne gehst?

Aldo Di Toro Als ich abergläubisch war, hatte ich immer einen Glücksbringer in meinem Kostüm, bevor ich auf die Bühne ging, und ich trug mein Lieblingsparfüm und meine Lieblingssocken. Jetzt beinhaltet mein Ritual Yoga und Meditation am Nachmittag. Ich mag es, gute Energie für den Auftritt aufzubauen und früh ins Theater zu kommen. Ich bin mir oft der summenden Vibes im eigentlichen Theater bewusst und ich schöpfe aus dieser Gemeinschaft und dieser Kraft. Ich will komplett vorbereitet sein und nichts dem Zufall überlassen. So bin ich selbst für mein „Schicksal“ auf der Bühne verantwortlich: Ob es ein Erfolg ist oder eine weitere Lektion, die ich gelernt habe.

 

Falls das Schicksal eine Person oder ein Tier wäre – wie würdest du es dir vorstellen?

Aldo Di Toro Ich glaube, das Schicksal ist Veränderung – wie der Wind. Wir entwickeln uns ständig weiter und sind in Bewegung. Die Reise ist vielleicht wichtiger als das Ziel. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und gute Entscheidungen treffen, dann können wir unser eigenes Schicksal erschaffen.

Mareike Jankowksi Da vertraue ich meinem Schicksal und sehe es daher als helles Wesen vor mir, das optisch eher menschenähnlich, aber durchlässig, geisterhaft, erhaben und übergroß wirkt. Undeutlich erscheint mir das Gesicht, das jedoch viel Güte ausstrahlt.

Timo Riihonen Als einen Elefanten. Ich empfinde Elefanten als sehr tröstlich. Das sind unglaublich sensible Tiere. Es fühlt sich fast so an, als könnten sie Dinge spüren, die wir nicht erklären können. Mit Blauwalen ist es genauso. Vielleicht fühle ich mich mit sehr großen Tieren verbunden (lacht).

Aurelia Florian Der Bär, denn er steht für Stärke, Familie, Vitalität, Mut und Gesundheit. Der Bär ist nachdenklich und unabhängig, mit wenig Bedürfnis nach Gemeinschaft. Er ist auch von Natur aus eigenständig und willensstark. Ich liebe Bären und spende regelmäßig an einen Verein, der sie aus bestialischen Zuständen rettet.

Jordan Shanahan Ich denke an etwas Fließendes, Amorphes. Anstelle eines bestimmten Tieres sehe ich das Schicksal eher als einen riesigen Fischschwarm. Es gibt unzählige individuelle Möglichkeiten innerhalb der sich ständig ändernden Form. Sie können versuchen, einen einzelnen Fisch zu erwischen, aber bis sich der richtige für Sie zeigt, werden Sie nie wirklich sicher sein, welcher zu Ihnen gehört.

 

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ALDO DI TORO
Er sang an der Opera Australia in Sydney u. a. Alfredo, Werther, Edgardo, Nemorino, Duca und Rodolfo. An der Oper Graz brillierte er als Turiddu und Canio in „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“

MAREIKE JANKOWSKI
Sie sang bereits u. a. an der Accademia Teatro alla Scala in Mailand. Seit 2018/19 ist sie fest an der Oper Graz und verkörpert Rollen wie Lola, Suza („Polnische Hochzeit“) und Orlofsky

TIMO RIIHONEN
Neben der Deutschen Oper am Rhein, der Finnischen Nationaloper und der Mailänder Scala sang er in Berlin, Stuttgart, sowie bei den Bayreuther Festspielen. In Graz war er als Philipp II. („Don Carlo“) zu erleben

AURELIA FLORIAN
Zu ihren Stationen zählen die Opernhäuser von Parma, Tel Aviv, Berlin, Zürich, Oslo und Tokyo. An der Oper Graz verkörperte sie bereits bravourös Roxane („König Roger“), Elisabeth („Don Carlo“) und Nedda („Pagliacci“)

JORDAN SHANAHAN
Er verfügt über ein Repertoire von mehr als 60 Partien. Zu sehen war er u. a. an der Metropolitan Opera und in Chicago, sowie an der Bayerischen Staatsoper. In Graz sang er 2019 Scarpia („Tosca“) an der Oper Graz und 2021 auf der Schloßbergbühne Kasematten.

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