Aus dem Bücherregal des Ensembles: Lektüretipps von Regieassistent Florian Kutey 


Content

Die Oper Graz spielt nicht nur – wenn es denn geht –, sie liest auch. Hier möchten wir Ihnen die persönlichen Lektüretipps unseres Ensembles vorstellen. Den Anfang macht Regieassistent Florian Kutey:

 

„Wenn uns die aktuelle Pandemie etwas gelehrt hat, dann wie dehnbar der Begriff ‚Zeit‘ sein kann. Volle Terminkalender und Freizeitstress sind längst passé. Menschen wie ich, deren größte Stärke eindeutig nicht Geduld heißt, werden auf eine harte Probe gestellt. Die Zuschauerräume in Kinos, Theatern und Opernhäusern sind nach wie vor leer. Das Heimkino läuft auf Hochtouren, Live-Stream reiht sich an voraufgezeichneten Stream, doch in der heimeligen Wohnzimmerlandschaft schleicht sich mehr und mehr Tristesse ein. Ist das reine künstlerische Erlebnis der Darbietung gar nicht das entscheidende? Perfekte Kameraperspektiven bilden ja tatsächlich mehr Details ab, als es mein Auge in einer Live-Aufführung erhaschen könnte. Hat die Sängerin einen Pickel? So etwas sehe ich vom Zuschauerraum aus sonst nicht. Streift mein Blick doch gerne auch in den Orchestergraben. Doch was gibt es Schöneres als das Rascheln in Handtaschen, auf der Suche nach dem lebensrettenden Zuckerl, das das entspannte Genießen des Abends garantieren sollte? Jahrelang perfektioniert wird der Auspackprozess des Bonbons auf ein Maximum ausgedehnt – selbstverständlich, wie könnte es anders sein, ausschließlich an Piano- und Pianissimo-Stellen. Sollen doch alle etwas davon haben! Dazu ein feines Kitzeln in der Nase – der Geruch der Vergangenheit: Erinnerungen, ein bisschen Staub und … ach ja: Mottenkugeln.

Damit können die eigenen vier Wände leider nicht mithalten. Und wenn die häusliche Raschel-Performance nicht zu Standing Ovations führt, sondern mit Nichtbeachtung gestraft wird, hängt auch noch der Haussegen schief.

 

Genau in diesen wehmütigen Momenten fällt mein Blick auf meine Bücherregale. Meine treuen Freunde haben die ganze Zeit brav und schweigend, friedlich aneinandergereiht, auf mich gewartet, bis zuletzt hoffend, dass ich mich ihnen endlich wieder einmal ausgiebig widmen würde. Zum Glück sind sie nicht nachtragend. Und kaum öffnen sie sich, halten sie – als sichere Instanz – tausende Geschichten bereit: zum Träumen, Ärgern, Fürchten, Weinen, Kopfschütteln und Lachen – idealerweise die adäquate Mischung des menschlichen Emotionsspektrums. Und während ich so vor mich hinlese, muss ich eigentlich gar nichts tun. Vor meinem inneren Auge laufen die gelesenen Passagen wie Minifilme ab, deren Protagonistinnen und Protagonisten ich beliebig zum Leben erwecken kann, je konkreter ich mich darauf einlasse und so lange, bis sie mir gefallen. Und wenn ich dann so auf der Couch sitze, in ein Buch vertieft, merke ich erst viel später – weil es plötzlich dunkel geworden ist – wie die Zeit verflogen ist. Etwas, für das mir – unter normalen Bedingungen – in den letzten Jahren (leider) häufig die Zeit fehlte. Auch weil mich die dicken Klavierauszüge mit ihren teils haarsträubenen Opernlibretti definitiv einen Großteil des Tages voll und ganz in Anspruch nahmen.“

 

 

Nun meine aktuellen Empfehlungen

 

– Adriana Altaras: „Die jüdische Souffleuse“ (2018)

Ich glaube all jene, die einmal mit Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Adriana Altaras gearbeitet haben – wie ich als Regieassistent zuletzt bei der Oper „Die verkaufte Braut“ –, werden diese Zeit niemals vergessen: Ihre Energie, ihre Kreativität und ihre großartigen Geschichten. Und natürlich ihre Witze! Wer schon immer wissen wollte, wie es wirklich bei Proben zu einer Opernproduktion zugeht, wird in diesem Buch fündig – kombiniert mit einer sehr emotionalen Familiengeschichte. Hab ich ihre Witze schon erwähnt?

 

– Ferdinand von Schirach: „Strafe“ (2018)

Selten hat mich ein Autor so gepackt wie dieser Meister des Plot-Twists. Nie zuvor wurden meine Gedanken, Sympathien und Gefühle für einzelne Protagonistinnen und Protagonisten auf der letzten Seite der Geschichten so sehr infrage gestellt, wie hier. Falls „Strafe“ gerade nicht verfügbar ist, sind „Schuld“ und „Verbrechen“ ebenfalls höchstempfehlenswert.

 

– Daniel Kehlmann: „Ruhm“ (2009)

Für mich ist immer wieder faszinierend, wie sich diese neun Geschichten immer mehr ineinander verweben. (Hier ist tatsächlich auch die Verfilmung empfehlenswert!)

 

– Aarto Passilinna: „Vorstandssitzung im Paradies“ (2004)

„Ein von der UN gechartertes Flugzeug verunglückt über dem Stillen Ozean. Die Passagiere können sich retten und aus dem Flugzeugrumpf jede Menge kupferner Verhütungsspiralen und einiges andere Notwendige wie Äxte und Messer bergen. Weit und breit ist keine Rettung in Sicht. Die illustre Truppe finnischer Waldarbeiter und schwedischer Hebammen muss sich zusammenraufen. Ein Jahr vergeht, bis ein phantasievoller SOS-Plan realisiert werden kann …“ – habe ich schon erwähnt, dass ich eine Vorliebe für haarsträubende Opernlibretti habe? Dieser Geschichte sollte sich definitiv ein Komponist annehmen!

 

– Janne Teller: „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ (2004)

Sehr kompakt kommt dieses Buch im Reisepass-Format daher. Ein unfassbar intensives (Jugend-)Buch, dessen Inhalt auch Erwachsene nicht kalt lassen sollte.

 

– Hugo Shirley: „Oper in 30 Sekunden“ (2016)

Falls sich jemand weiterbilden möchte. Dieses originelle Buch hat in den letzten Jahren tatsächlich viele meiner Bildungslücken in diesem Metier geschlossen.

 

Und wo deckt man sich aktuell am besten mit Lesestoff ein?

– regional: in kleinen, regionalen Buchhandlungen (mein persönlicher Favorit: „Der Büchersegler“ am Grazer Mariahilferplatz)

– kostengünstig: die Stadtbibliothek Graz

– nachhaltig: bei Books4Life Graz, einem karitativen Second-Hand-Buchladen (in dem ich seit 2010 ehrenamtlich mitarbeite)

Weitere News