„Diese Oper regt an, zu philosophieren und zu empfinden“


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Die Mezzosopranistin Christina Baader beantwortet Dramaturgin Marlene Hahn 5 Fragen zu ihrer Rolle in der Oper „Morgen und Abend“. In welchem Zustand begegnen wir ihr? Zur österreichischen Erstaufführung kommt das Werk von Georg Friedrich Haas am 12. Februar 2022 in der Oper Graz. 

 

Wer ist Erna?

Erna ist die verstorbene Frau von Johannes. Laut Roman von Jon Fosse haben sie 7 Kinder, von denen Signe die Jüngste ist. Eines Tages verstarb Erna im Schlaf. Wir erfahren, dass Erna und Johannes einander liebten und ein einfaches, gutes Leben miteinander führten.

 

Wie geht es ihr? In welchem Zustand begegnen wir ihr?

Wie geht es einer Verstorbenen? Erna erscheint aus einer anderen Welt. Ist sie eine Projektion ihres Mannes Johannes, der sich nach ihr sehnt? Ist sie da als Geist, und möchte Johannes etwas mitteilen?

Sie ist jenseits des Schmerzes und der Lebenskämpfe. Sie ist in einem anderen ‚Aggregatzustand’, in einer tiefen Ruhe und Klarheit, nimmt wahr, weiß, dass sie tot ist, dass sie woanders ist. Sie spricht zu Johannes über das was ist. Das Gefühl der Liebe zu ihm ist gegenwärtig. In einfachen Worten und mit ihrer Präsenz begleitet sie Johannes bei seinem Sterben, bei seinem Erkenntnisprozess.

 

Ein Satz, der dir dabei besonders nahe geht?

„Ich bin fort und ich bin hier … Jetzt bist du leicht wie Luft, mein lieber Johannes du“

 

Was löst dieses Werk, die Musik, die aktuelle Probenarbeit in dir aus?

Als ich mit dem Studium des Werkes und der Rolle der Erna begann, las ich den Roman. Jetzt, nachdem ich mit der Musik vertraut bin, lese ich den Roman wieder ganz neu und verstehe viel mehr als zuvor.

Das Thema Tod beschäftigt mich, seit ich denken kann und es begeistert mich, wenn man in Fragen lebt und diese existenziellen Fragen aushält. Es geht nicht um eindeutige Antworten – vielleicht gibt es Antworten manchmal nur auf Zeit wie Splitter einer Wahrheit. Die Arbeit an „Morgen und Abend“ eröffnet mir eine neue Welt. Klanglich lerne ich hier, mich in einem neuen Kontext zu orientieren. Es ist teilweise einschüchternd und mehr und mehr spüre ich den starken Halt und Zusammenhalt in diesem Musik- und Textgefüge. Das ist wunderschön.

Ich bin als Sängerin bisher in die unterschiedlichsten Charaktere eingetaucht, doch zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, eine Verstorbene zu verkörpern. Da Schauspiel ein Seins-Zustand ist, empfindet man neue Dinge, bewegt sich anders und nimmt anders wahr. Spannend.

Ich bin sehr glücklich Teil dieses großartigen Ensembles zu sein.

 

Für wen ist diese Oper? Hast du eine Empfehlung?

Für alle neugierigen, nachdenkenden und offenen Menschen! Diese Oper regt an zu philosophieren und zu empfinden.

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