Erlösung, ein Leben lang


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Nur ein paar Tage des Jahres 1840 brauchte der erst 27-jährige Richard Wagner für einen schnell skizzierten Librettoentwurf, und mit gleicher Verve floss ihm anschließend die Komposition zu „Der fliegende Holländer“ aus der Feder. Nie zuvor hatte er künstlerisch so hoch gezielt, und was sich da in solch traumwandlerischer Sicherheit aufs Papier gedrängt hatte, bezeichnete Wagner im Rückblick als „Werk heftiger Umkehr“ und als den eigentlichen Beginn seiner Dichter-Komponisten-Gesamtkünstler-Existenz. Mit dem unvermittelt kühnen Vorstoß in die Zukunft der Oper als Musikdrama fand er nicht nur seine großen Themen: die Erlösung durch Liebe, die Treue bis in den Tod und die Macht der Kunst. Mit seinem „Fliegenden Holländer“ schuf Richard Wagner auch sich selbst. Trotzdem wird die Geschichte des Werkes die einer permanenten Bearbeitung werden – und Wagner aller Fassungen zum Trotz mit seinem „Fliegenden Holländer“nie wirklich zu Ende kommen. Als gäbe es etwas, das er mit diesem Stück weder vor der Uraufführung noch später wirklich formulieren konnte, beschäftigte ihn das Jugendwerk seiner „Ich-Werdung“ bis ins Alter hinein. Und er hörte nie auf, von einer letzten, endlich alle Widersprüche aufhebenden Revision zu träumen – bei der wohl sogar Sentas Ballade, angeblich doch die Keimzelle der ganzen Komposition, ersetzt worden wäre. Und wer weiß, in welche Dimensionen sich die in der letzten Fassung bereits gewaltig angewachsene Erlösungs-Vision am Schluss vielleicht noch gesteigert hätte, wäre Wagner denn dazu gekommen.Stattdessen wird sich sein lebenslang wachsendes Bedürfnis nach Erlösung in einem Gesamtwerk offenbaren, das – vom Evangelium des erlösenden Weibes wie von einem blutroten Faden durchzogen – ganz auf jenem frühen Grundstein fußt. Als wären sich dort die Figuren rund um den prominentesten Untoten der Operngeschichte der Tatsache bewusst, dass mit ihrer Hilfe um die Formulierung eines Lebensthemas gerungen wird, sind sie seltsam unfrei und gleichen eher Getriebenen als tatsächlich Handelnden. Dass etwa Senta mit ihrer Ballade den eigenen Entschluss fasst, dem Holländer durch ihren Tod eben jene Erlösung zu schenken, kann man eigentlich nicht sagen. Schon eher, dass die Ballade von ihr Besitz ergreift und plötzlich die Erkenntnis einer ihr auferlegten Bestimmung in sie fährt, welcher sie blind und wie verzaubert folgt. Zwischen ihr und dem namenlosen Holländer herrscht von Anfang an ein Einverständnis, das keiner Worte bedarf und sowieso keiner Sprache zugänglich ist. Beide finden sich in derselben Erwartung des Vollzugs eines ihnen völlig gewissen Schicksals.

Sandra Leupold

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