Exotischer Aberwitz


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Nach der erfolgreichen Inszenierung der „Königskinder“ in der Saison 2019/20 kehrt Regisseur Frank Hilbrich an die Oper Graz zurück, um mit Nico Dostals „Clivia“ dieses Mal eine Operette auf die Bühne zu bringen. Im Interview erzählt er von seiner Leidenschaft für die Operette, Dostals musikalischem Stilmix und der Fähigkeit, sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen.

 

 

Zu Ihren Regiearbeiten zählen zentrale Werke der Opernliteratur wie „Der Ring des Nibelungen“, Raritäten wie Engelbert Humperdincks „Königskinder“, mit denen Sie im Dezember 2019 Ihr gefeiertes Regiedebut an der Oper Graz gegeben haben, und Uraufführungen. Hinzu kommen Operetten wie „Die Csárdásfürstin“ und „Die Blume von Hawaii“. Woher rührt diese Leidenschaft auch für die Operette?
Frank Hilbrich Im Musiktheater will ich in irgendeiner Weise berührt werden. Entweder weine ich oder ich lache. Beides ist mir recht, beides kann großartig sein. Und beides hilft mir im Idealfall, mich und diese schwer zu begreifende Welt ein bisschen besser zu verstehen. Wie zwischen Komödie und Tragödie, ist auch der Unterschied zwischen Oper und Operette ja eigentlich kein so großer: In der Tragödie wird gestorben, in
der Komödie mit einem blauen Auge überlebt. Das gefällt mir: nach erlittenen Niederlagen lachend wieder aufzustehen und sich selbst nicht immer so ernst zu nehmen.

 

Es gibt die rotzfreche Operette von Jacques Offenbach, es gibt die sogenannte Goldene Operettenära, der eine Silberne folgte. Und dann betritt die Operette in den Zwanziger Jahren stilistisches Neuland, was auch an Nico Dostals 1933 in Berlin uraufgeführter „Clivia“ auszumachen ist. Wie gestaltet Dostal seine „Clivia“?
Frank Hilbrich Mit einer eigentlich kühnen und doch komplett einheitlich wirkenden Mischung verschiedenster Stilmittel. Dostal ist, wie die meisten Berliner Operettenkomponisten der 1920er, ein profund ausgebildeter mitteleuropäischer Musiker mit sehr viel Geschmack und Theaterinstinkt, dazu ein hervorragender Instrumentator der „alten Schule“. Aber er begeistert sich genauso für Musik aus den USA, den Jazz und populäre Tänze wie Foxtrott und Charleston. Dazu kommen lateinamerikanische Rhythmen, denn das Stück spielt ja in Boliguay – einem Staat, von dem keiner genau weiß, wo der eigentlich liegt. Aber auf jeden Fall muss es dort exotisch zugehen und klingen. 

 

Das Personenverzeichnis der „Clivia“ scheint bunt zusammengewürfelt, denn da finden wir neben einem Financier aus Chicago, einem Filmstar, einem Gaucho, einem Präsidenten einer Bananenrepublik auch noch den Erfinder einer Schlafmaschine. Wie passen denn alle diese Figuren zusammen?

Frank Hilbrich Überhaupt nicht! Das ist ja das Wunderbare, dass völlig aberwitzige Personenkonstellationen aufeinander losgejagt werden, wodurch Missverständnisse und Konflikte schon vorprogrammiert zu sein scheinen. Gerade diese Absurdität, die natürlich auch sehr lustig ist, lässt uns aber vielleicht auch ernsthaft fragen: Wer kennt sich in der Welt noch aus? Wer findet sich noch zurecht?

 

„Clivia“ entführt uns in die Welt des Films, der Illusionen auf die Leinwand bannt. Doch diese Illusionen finden ihre Fortsetzung in der Handlung, in der nur schwer zwischen Schein und Sein zu unterscheiden ist. Das Schlagwort von den „Fake News“ drängt sich nachgerade auf und könnte zu vordergründigen Analogien verführen. Wie ist dem zu entgehen?
Frank Hilbrich Das Manipulieren und gezielte Verdrehen der Wahrheit, bis keiner mehr weiß, was eigentlich richtig und falsch ist, ist sicher für diese Operette wichtig. Es ist spannend, wie exakt die Autoren von „Clivia“ dies kurz nach der Erfindung des Tonfilms als Gefahr erkennen und lustvoll, aber durchaus zeitkritisch, aufgreifen. „Clivia“ ist aber vielleicht doch ein bisschen zu fein dafür, nur Kritik am politischen Tagesgeschäft zu
üben. Ich glaube, dem Werk ist es lieber, das Thema von Illusion und Desillusionierung umfassender zu beschreiben. Und es am Ende vielleicht doch nicht zu ernst zu nehmen.

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