Golde im Portrait 


Content

Vor 25 Jahren hat Golde an ihrem Hochzeitstag ihren Mann Tevje zum allerersten Mal gesehen und– gleich ihm – mit Bangen in die Zukunft geblickt. Seit 25 Ehejahren ist sie für Haus und Hof verantwortlich, putzt und kocht, wäscht und melkt die Kuh, damit Tevje, der Milchmann die Molkereiprodukte erzeugen kann, mit denen er das Schtetl Anatevka versorgt. In 25 Ehejahren hat Golde fünf Töchter zur Welt gebracht: Zeitel, die bildhübsche älteste, Hodel, die zweitgeborene, Chava, die belesene, die ständig ein Buch in der Hand hat, wiewohl sie doch im Haushalt mithelfen sollte, schließlich noch die beiden jüngsten, Sprintze und Bielke. Der ältesten Tochter gegenüber lässt sie gelegentlich durchblicken, dass Tevje durchaus imstande ist, sie zuweilen meschugge zu machen – auch wenn er es mit Sicherheit nicht darauf anlegt –, doch den kleinen Mädchen gegenüber macht sie unmissverständlich klar, dass ihr Papa der Allergrößte ist und wie ein König auf seinem Kutschbock thront.

 

 

Ihre Aufgabe ist es, alle Vorkehrungen für den Sabbat zu treffen, und wenn Tevje wenige Augenblicke vor Sonnenuntergang noch nicht zu Hause ist, wird sie verständlicherweise etwas unruhig. Beim Sabbatmahl ist es ihre Aufgabe, die Kerzen zu entzünden und den Segen zu sprechen.

 

 

Für jede ihrer heiratsfähigen Töchter erhofft sie sich eine gute Partie. Wie gut, dass Jente, die Heiratsvermittlerin, einen geübten Blick für einfach alles hat und die rechten Brautleute geschickt zusammenzuführen weiß. So sollen der gut situierte und verwitwete Fleischer Lazar Wolf und Zeitel zusammengebracht werden. Auch wenn Tevje Lazar Wolf distanziert gegenüber steht, so bringt Golde ihren Mann doch dazu, ihn wenigstens anzuhören. Tevje ist bereit, seine älteste Tochter dem Fleischer zu geben, doch plötzlich erscheint mitten in der Nacht der Geist der verstorbenen Oma Zeitel, die darauf beharrt, dass ihre Enkelin den Schneider Mottel Kamzoil heiraten muss. Ausgerechnet Mottel, diesen armen Schussel, den Zeitel seit Kindertagen kennt und mit dem sie so unschuldige Spiele spielt? Aber wenn die Oma sich aus dem Jenseits meldet, muss es wohl so sein. Hodel ihrerseits wendet sich dem intellektuellen Hitzkopf Perchik zu. Diese ungeahnte Verbindung bringt Tevje und Golde soweit, endlich nach 25 Ehejahren über ihre Beziehung nachzudenken, um zur Erkenntnis zu kommen, dass es Liebe sein muss, was sie verbindet. Und die wird auf eine harte Probe gestellt, als Chava hinter dem Rücken ihrer Eltern den Russen Fedja heiratet. Tevje verstößt sein eigenes Kind – doch selbst in diesem Moment akzeptiert Golde die Entscheidung ihres Mannes und wendet sich von ihm nicht ab.

 

 

Als der Auszug der Juden aus dem Schtetl anbefohlen ist, bewahrt Golde die äußere Form und fegt ein allerletztes Mal das Haus, um es ja nicht schmutzig zurückzulassen. Und an ihr ist es, in schmerzlicher Lakonie die Frage nach der Bedeutung von Anatevka zu stellen: „Was war denn hier schon los?“

 

Ab dem 17. Oktober 2020 ist als Golde Susan Rigvava-Dumas zu erleben, die erstmals an der Oper Graz gastiert. Einen musikalischen Vorgeschmack gibt sie bereits am Sonntag, den 27. September um 11 Uhr bei der Veranstaltung „Vor der Premiere – Anatevka“ im Spiegelfoyer der Oper Graz.

Weitere News