Henze und Ashton tauchen zu Undine hinab 


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Die ersten Besprechungen über Undine fanden in Forio auf Ischia statt. Komponist Hans Werner Henze erinnert sich in „Undine. Tagebuch eines Balletts“, München 1959. Am 19. März 2022 feiert sein Ballett „Undine“ in der Choreographie von Beate Vollack Premiere an der Oper Graz. 

 

Hans Werner Henze, „Undine. Tagebuch eines Balletts“, München 1959

Die ersten Besprechungen über Undine fanden in Forio auf Ischia statt. „Maria Internazionale“, die Besitzerin eines Cafés, hatte Frederick Ashton, dem Choreographen und künstlerischen Direktor des Royal Ballet, der rechtzeitig zu Beginn des Festes von San Vito eingetroffen war, ihre eigene Wohnung im Zentrum des Dorfes zur Verfügung gestellt. Ich erinnere mich an eine der vielen Glocken, die zu den erstaunlichsten Stunden des Tages tönten, anhaltend und wild, diese eine war ganz in der Nähe, und so vermochte sie die Gespräche über Undine viertelstundenlang zum Schweigen zu bringen. Ich selber, aus Neapel herübergekommen, hatte ein Zimmer in einem Bauernhaus in den Weingärten von San Francesco, musste aber zur Arbeit mit Ashton eigens ins Dorf gehen. In einem fast leeren, weißgetünchten Raum saßen wir uns gegenüber und versuchten, erste Aufzeichnungen in Schulheften festzuhalten. Die Basis war die Erzählung von de la Motte Fouqué.

Das Buch, eine von W. L. Courtney übersetzte, von Arthur Rackham dekorierte Ausgabe von 1909, hatte Ashton von morgens bis abends bei sich, auch am Strand, wo es sandig und salzig wurde und sich unter der Einwirkung der Sonne immer mehr verbog, als sollte durch diesen Umstand schon auf die spätere Entwicklung unserer Undine hingewiesen werden. Es war sehr schwer, aus der verästelten Erzählung mit sehr genau dargestellten Einzelheiten einen einfachen, linearen Vorgang herauszuschälen und, was mehr ist, diesen Vorgang dann in Tanz, in tanzbare Ideen umzuwandeln. Je einfacher und augenscheinlicher die Handlung sich gestalten würde, desto leichter würden wir es haben, rein choreographischen Formen das Feld zu bereiten. Ein erster Vorschlag beruhte auf der Idee, jeden Gedanken in absoluten Tanz aufzulösen und damit das erklärerische, hinweisende Medium der Pantomime mit ihren eingefrorenen Riten vollkommen auszuschalten. Aber bald zeigte sich, dass dies nicht möglich und bei einem dreiaktigen, also abendfüllenden Werk aber auch gar nicht wünschenswert war, und so wurden, entgegen der ersten Vorstellung, zuerst einmal hier und da Pantomimen, wirkungsvoll gerade in dem neuen Licht, das von heute auf ihre altmodische Formelhaftigkeit fällt, angebracht.

Nicht unangefochten von nächtlichen Piazza-Gesprächen mit literarischen Freunden, von denen jeder eine ganz bestimmte Vorstellung seiner Undine hatte, klassizistische, barocke, mystische, surrealistische, sachliche, expressionistische, neoromantische (und im Hintergrund, gelblich beleuchtet von Mond und Pechfackeln, die Fassaden der Häuser mit ihren bäuerlichen Bogenfenstern, Schlagschatten einer Opernkulisse), bahnten wir uns den Weg zu einer ersten Niederschrift, noch sehr fragmentarisch, noch sehr nahe an der Landschaft Fouqués.

 

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