Nachgefragt bei Marc Lamberty


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Haben wir Sie nicht schon einmal gesehen?

Das könnte gut möglich sein. Ich habe in der vorletzten Spielzeit den Che Guevara im Musical „Evita“ an der Oper Graz verkörpert. Ich bin immer noch wahnsinnig dankbar und gerührt, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, das war eine so tolle Erfahrung. Es war meine absolute Traumrolle. Und nun wieder Graz!

 

Herzlich willkommen zurück! Sie verkörpern im Kult-Musical „Chess“ die Rolle des amerikanischen Schachspielers Frederick Trumper. Mit welchen fünf Begriffen würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Machtbesessen – Narzisstisch – Skrupellos – Sadistisch – Egoistisch

In allem also ein komplett gegenteiliger Charakter von Che Guevara. Gemeinsam haben beide Rollen, dass sie in den jeweiligen Stücken eine lose Anlehnung an eine historische Persönlichkeit darstellen, im Falle von Frederick Trumper ist das der amerikanische Schachweltmeister Bobby Fischer. Beides sind extreme Persönlichkeiten gewesen, die stark durch die Lebensumstände ihrer Kindheit und Jugend geprägt wurden: Che Guevara wurde zum Revolutionär, weil er sein Land durch ein korruptes Regime scheitern sah. Frederick Trumper/ Bobby Fischer wurde zum Misanthropen und Schachgenie, weil er als Kind die Ehe seiner Eltern scheitern sah. Deshalb zählen für ihn keine familiären Werte, er verfügt über keine empathischen Fähigkeiten. Stattdessen flüchtete er sich als Kind ins Schachspiel, um der tristen Wirklichkeit seines Elternhauses zu entfliehen und seine Machtphantasien auszuleben.

 

Warum ist Schach aufregend, nervenaufreibend, sexy, alles, nur auf keinen Fall langweilig?

Es geht wie in keinem anderen Spiel um das Elementarste im Leben: Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse. In der heutigen Zeit sind diese Fronten und Trennlinien nicht mehr so klar zu erkennen, vielleicht zieht das Schachspielen deshalb auch so viele Menschen wieder an. Schach bleibt bis zuletzt nervenaufreibend und spannend, weil sich alles noch gen Ende der Partie ändern kann und weil es endlose Variationen gibt, kein Spiel ist wie das andere. Schach ist sexy, weil es um Macht geht: Es gilt, den Gegner zu dominieren und zu eliminieren. Deshalb versuche ich, Frederick Trumper auch nicht als Nerd darzustellen, sondern ihm auch eine gehörige Portion Sex Appeal zu verleihen. Ich hoffe, dass mir das auch gelingen wird.

 

Spielen Sie Schach?

Zu meiner Schande muss ich gestehen: leider nein. Aber ich habe mir fest vorgenommen, dass ich spätestens bis zur Premiere von „Chess“ das Schachspielen beherrschen werde. Nicht, dass ich noch von einem schacherprobten Zuschauer mit Hilfe eines Opernglases entlarvt werde.

 

Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade Frederick Trumper verkörpern, sondern probenfrei haben?

In Graz gibt es ja viele Möglichkeiten: ich gehe sehr gerne Wandern, treibe viele Sport, auf der Bühne muss man halt fit bleiben, das ist wie Profisport. Aber ich liebe es, auch einfach in Cafés zu sitzen und Zeitung zu lesen oder Freunde und Kollegen zu treffen. An einem probenfreien Tag kann ich aber auch mal komplett vor dem Bildschirm abschalten und mich meinen Lieblingsserien widmen.

 

Wenn Sie nicht ein schachspielender, singender, tanzender Musicaldarsteller geworden wären, wären Sie heute …?

Schachweltmeister definitiv nicht, ich kann halt einfach nicht still an einem Tisch sitzen, deshalb wäre ein Bürojob wahrscheinlich auch nichts für mich. Ich brauche einfach die Bühne. Mein absoluter Traumberuf ist aber der des Regisseurs, deshalb beneide ich auch unseren Regisseur Thomas Winter; der war ursprünglich nämlich auch mal Musicaldarsteller und ist zur Zeit einer der gefragtesten Musicalregisseure im deutschsprachigen Raum. Das macht mir Mut. Wer weiß, vielleicht lässt mich die Oper Graz ja auch mal ein Musical inszenieren.

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