Nur wenige und unendlich viele Noten


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Chefdirigent Roland Kluttig im Gespräch mit Musikdramaturg Bernd Krispin über die komplexen Herausforderungen bei Georg Friedrich Haas und Richard Strauss, über fragile Klänge und technische Virtuosität.

 

99 Jahre liegen zwischen der Uraufführung der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss und dem „Concerto grosso Nr. 1 für vier Alphörner“ von Georg Friedrich Haas. Welche spieltechnischen Herausforderungen warten auf die Grazer Philharmoniker – bei Haas, aber auch bei Strauss?

Roland Kluttig  Die Herausforderungen liegen ganz weit auseinander. Kurz gesagt, sind es bei Haas nur wenige und bei Strauss unendlich viele Noten. Bei Haas ist es das genaue Hinhören, denn es werden nicht nur Viertel-, sondern auch Sechstel- und Achteltöne verlangt. Bei Strauss hingegen haben wir es mit enormer Virtuosität und bei manchen Instrumenten wie zum Beispiel in den Trompeten mit enormer physischer Anstrengung zu tun.

 

Kein einziger Ton, den wir je in Oper oder Konzert hören, kommt ohne Obertöne aus. Was also ist das Besondere, wenn Haas Obertonreihen nutzt?

Roland Kluttig  Er macht die entfernten Obertöne hörbar – insbesondere durch Flageoletts – und verlässt damit die temperierte Stimmung. Es ist ein Farbspiel, vergleichbar mit einem Regenbogen, gleichzeitig ist der Klang sehr fragil.

 

Sein letztes großes Orchesterwerk nennt Strauss „Eine Alpensinfonie“, wenngleich im Laufe der jahrzehntelangen Beschäftigung auch eine Künstlertragödie und Friedrich Nietzsches „Antichrist“ als thematischer Hintergrund angedacht waren. Ist davon noch etwas in der Komposition spürbar, oder haben wir es ausschließlich mit Naturschilderungen zu tun? Und wie klingt diese Natur?

Roland Kluttig  Es ist keineswegs eine durchgehende Naturschilderung, sondern durchmischt mit Einflüssen von Nietzsche. In einer ursprünglichen Version spielte auch das Ehedrama eines bekannten Künstlers seiner Zeit eine ausschlaggebende Rolle. Mir scheint es zudem in einigen Momenten eine Art Zwiesprache mit dem zur Zeit der Entstehung bereits verstorbenen Gustav Mahler zu sein. Von Mahler stammt ja das Bonmot, man brauche die Alpen nicht mehr zu besteigen, er habe sie „schon wegkomponiert“ – sprich: seinen Werken einverleibt. Ähnliches kann man hier von Strauss sagen. Im Abschnitt „auf der Alm“ scheint er mir mittels Anklängen an Mahlers so ganz andere Tonsprache einen Dialog mit dem großen Kollegen zu halten.

 

Was ist das Innovative, das Moderne, das Strauss in der „Alpensinfonie“ erreicht? Und hat er gar seinen orchestralen Ausdrucksgipfel erreicht, da er in den nächsten dreieinhalb Jahrzehnten keine weitere Tondichtung mehr schreibt?

Roland Kluttig  Ob es sein Gipfelwerk ist, möchte ich nicht beurteilen. Das Werk wurde ja anfänglich ziemlich kritisch beurteilt; und obwohl sich die Orchestermusiker und Dirigenten daran erfreuten, war die Wissenschaft immer sehr distanziert diesem „Machwerk“ gegenüber. Interessanterweise hat der Komponist Helmut Lachenmann vor einigen Jahren seine Liebe und profunde Kenntnis der „Alpensinfonie“ öffentlich gemacht, was in vielen Kreisen zu einer völligen Neubewertung des Stücks führte. Ich gebe zu, dass sich mir das Werk erst durch die Idee der Kombination mit Haas erschlossen hat und dass ich jetzt von der ganz andersartigen Modernität begeistert bin. Der Anfang und das Ende, die Beschreibung der Nacht, des herabsinkenden Nebels weist geradezu auf Komponisten wie György Ligeti oder eben Georg Friedrich Haas voraus.

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