Paargespräch 


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Ab 28. September kehrt das Erfolgsmusical „Anatevka“ zurück auf den Spielplan der Oper Graz! Im Theater ist viel möglich – daher suchen die Musicalfiguren Fedja (Mario Lerchenberger) und Chava (Corina Koller) den Gedankenaustausch mit Peter Scheer und Marguerite Dunitz-Scheer. 

 

Zwei Paare – und viele Antworten: Das Mediziner-Ehepaar Prof. Marguerite Dunitz-Scheer und Prof. Peter Scheer, das in seiner Ehe den jüdischen Glauben lebt und gemeinsam acht Kinder hat, und die Musical-Figuren Chava und Fedja blicken auf gemeinsame Jahrzehnte in Liebe zurück beziehungsweise stehen am Beginn eines gemeinsamen Lebenswegs über religiöse Grenzen hinweg. Wir haben sie getrennt voneinander befragt – um unterschiedliche und deckungsgleiche Antworten zu bekommen.

 

Das erste Kennenlernen von Marguerite und Peter …

… fand am Valentinstag 1985 am Grazer Hauptbahnhof statt. Prosaisch schildert Peter diese Begegnung: „An jeder Hand hatte sie ein Kind in einem selbstgeschneiderten Hosenanzug aus Vorhangstoff. Es war nahe am Faschingsdienstag, vielleicht hatte sie die Kinder deshalb so angezogen. Als Wiener kannte ich die Grazer Tradition des Umzugs nicht.“

 

Das erste Kennenlernen von Chava und Fedja …

… fand, wie Chava berichtet, „auf dem Hauptplatz unseres Schtetls Anatevka statt. Ich weiß, dass mich Fedja oft bei Awrams Buchladen gesehen und beobachtet hat.“

 

Und wann haben sich die Paare verliebt?

Marguerite berichtet: „Ziemlich sofort.“ Und Peter beschreibt diesen Moment in all seiner Besonderheit: „Haben wir uns verliebt? War es nicht eher unausweichlich? Ich kam in das Ferienlager der Familienpannenhilfe am Reinischkogel. Sie rannte mir entgegen, den Mund von Heidelbeeren verschmiert, die Zähne waren blau, und sie umarmte mich, wie ein Kind, das einen Abhang hinunterrennt und aufgefangen werden will.“

Bei Fedja hat es „so richtig gefunkt, als wir uns über den Weg gelaufen sind und zum ersten Mal miteinander geredet haben.“ Und Chava genießt es, sich mit ihm über Literatur austauschen zu können. „Dabei habe ich mich wohl langsam in ihn verliebt.“

 

Und was ist wichtiger – die Liebe oder die Religion?

Peter ist sich ganz sicher: „Die Liebe. Durch sie lässt Gott uns Seine unendliche Liebe spüren, in ihr können wir Seine Güte erleben.“ Marguerite präzisiert spontan: „Die Liebe und der Respekt, aber selbst für nichtreligiöse Menschen ist die Religion, wenn sie Teil des sozialen und familiären Erbes ist, das man in eine Beziehung mitbringt, extrem wichtig.“ Für Fedja und Chava ist es eindeutig „die Liebe“, wobei sich Chava Gottes Zustimmung gewiss ist: „Es ist das schönste Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden. Ich denke, Gott versteht das und verzeiht mir, dass ich einen Christen geheiratet habe.“

 

Kindersegen

Während sich Chava „viele Kinder“ wünscht, möchte Fedja „drei bis vier“. Peter und Marguerite haben gemeinsam acht Kinder. Gewiss ist das eine Herausforderung, doch eine erfüllende, wie Peter meint: „Alle freuen sich anscheinend, mich zu sehen, mit mir Zeit zu verbringen, auf Urlaub zu fahren, mich zu beherbergen, mit mir zu kochen und ihre Sorgen und Freuden mit mir zu teilen. Sie waren immer mindestens so wichtig wie Arbeit und Karriere, sie sind immer vorgegangen. In ihnen sehe ich mich im Spiegel und ertrage das sehr gut. Sie sind die Antwort auf das Sterben, und ihr Wachsen freut mich.“ Auch Marguerite spricht von „Glück und Bereicherung“, räumt die Notwendigkeit ein, für zwei Jahrzehnte pro Kind „persönliche Wünsche“ zurückzustellen, und weiß zugleich, dass eine reiche Kinderschar „eine Quelle des Glücks und der sozialen Kompetenz ist, der heute in der europäischen Kultur leider zu wenig Wert zugeschrieben wird.“

 

Interreligiosität

Chava und Fedja gehen eine interreligiöse Ehe ein, Marguerite und Peter haben eine solche durchlebt, bevor sie zueinander gefunden haben. Reicht dafür wirklich die Liebe allein, fragt sich Chava bang, denn „braucht es nicht auch den Rückhalt einer Familie oder eines ganzen Schtetls?“ Peter betont die Wichtigkeit der Liebe: „Nur dann soll man das eingehen, wenn man die damit einhergehenden Sorgen wachen Auges sieht. Wenn einem Religion egal ist, dann kann man es versuchen. Da die Liebe jedes Hindernis besiegt, wird sie auch dieses besiegen. Allerdings muss man dazu die Liebe pflegen.“ Fedja ahnt die Wichtigkeit der „gemeinsamen Kommunikation“, was Marguerite durchaus bestätigt und bekräftigt. Aus den Beziehungen und Familien ihrer Kinder weiß sie: „Da die Hälfte unserer acht Kinder eine jüdisch-jüdische Ehe beziehungsweise Partnerschaft führt und die andere Hälfte eine interreligiöse – wobei wirklich niemand ein Problem hat –, würde ich schon sagen, dass es sicher eine zusätzliche religiöse, aber vor allem kulturelle, soziale und eben tägliche Herausforderung im gemeinsamen Leben und dann aktiv in der Kindererziehung ist, die man als jung Verliebte meist völlig unterschätzt. Wenn das Thema nicht tabu, sondern diskutierbar ist, kann es sicher gut gelöst werden.“

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