Regisseur Lorenzo Fioroni im Gespräch mit Chefdirigent Roland Kluttig


Content

Benjamin Brittens „War Requiem“ feiert am 24. September Premiere an der Oper Graz! Regisseur Lorenzo Fioroni und Chefdirigent Roland Kluttig haben sich vorab zum Gespräch getroffen

 

Lieber Roland, eine der Erinnerungen aus meiner Teenager-Zeit ist, wie sehr Requiem-Kompositionen mich komplett aus dem Gleichgewicht gebracht und tief beeindruckt haben. So sehr, dass ich zum Beispiel ganze Sätze aus Mozarts „Requiem“ abkopiert habe, um sie im Detail zu erfassen. Und jetzt, im Zusammenhang mit der Beschäftigung mit Britten, diskutierte ich mit Menschen, für die die Mitwirkung an einer Aufführung des „War Requiem“, sei es im Orchester oder im Chor, stets ein unvergesslicher Eindruck war. Wie erklärst du dir diese besondere Aura von Totenmessen?

 

Roland Kluttig Lieber Lorenzo, das geht mir ganz ähnlich. Die geistlichen Werke haben die Komponist:innen immer wieder zu Höchstleistungen angetrieben – und zwar auch noch zu Zeiten, als das Weltliche und das Geistliche sich schon mindestens die Waage hielten, also sagen wir ab der Wiener Klassik. Die Sakralmusik von Bach, die Requien von Mozart, Verdi und anderen gehören zum Allergrößten, was Musiker:innen je geschaffen haben. Innehalten, Konzentration, Trauer und Schmerz, Schrecken und Wut, Leid und Trost gehen da eine einzigartige Verbindung ein. Ob gläubig oder nicht, das überträgt sich auch sofort auf den Hörenden.

 

 

Britten war nicht nur Komponist, sondern auch ein bedeutender Dirigent, der die Uraufführung des „War Requiem“ selbst leitete. Er war auch Pianist und Liedbegleiter, hier spürt man seine Sensibilität für die Ausdrucksskala der menschlichen Stimme. Wie ordnest du Britten generell ein als zentrale Figur in der Musik des 20. Jahrhunderts?

 

Roland Kluttig Ich habe spät zu Britten gefunden, weil auch ich vom in Deutschland herrschenden Dogma der Darmstädter Schule geprägt war. Britten wurde für zu leicht befunden. Als ich vor einigen Jahren das Angebot bekam, an der schwedischen Norrlandsoper „Peter Grimes“ zu leiten, änderte sich das langsam, aber intensiv. Was für eine Konzentration der Mittel, was für ein handwerkliches Geschick! Eine große Rolle spielt auch seine Arbeit als Dirigent und Pianist, seine Schubertund SchumannInterpretationen gehören zu Schrecken und Trost den besten auf diesem Gebiet. Ein sehr feiner, aber auch verschlossener Künstler. In gewisser Weise das westliche Pendant zu Schostakowitsch. Beide verkörpern die politischen Blöcke, beide verband eine tiefe Freundschaft, beide spielten in den modernen Zirkeln keine Rolle, aber auf den Spielplänen der Orchester, beide wurden früh zu Klassikern. Bei beiden spielte die Verehrung von Gustav Mahler und bei Britten auch die Alban Bergs eine zentrale Rolle.

 

 

Im „War Requiem“ artikuliert sich Brittens überzeugter und unbedingter Pazifismus. Er verleiht seinen literarischen Vorlagen musikalisch erschütternden Ausdruck: den englischen Gedichten Wilfred Owens über die Schrecknisse des Ersten Weltkrieges, welche als direkte Erlebnisberichte von der Front den lateinischen Text der „Missa pro Defunctis“ immer wieder konterkarieren und auch als der wirklichen Kriegserfahrung von Tod und Zerstörung nicht angemessen in Frage stellen. Eine rebellische Haltung. Trotzdem gibt es im jetzigen 2022 aktuell mindestens 25 andauernde Kriege weltweit, die in vollem Gange sind. Woran liegt das?

 

Roland Kluttig Diese Frage zu beantworten, übersteigt meine Möglichkeiten. Die Mechanismen, die dazu führen, dass immer noch täglich Menschen auf Grund von Kriegen, Gewalt oder Hunger sterben, dass Städte und Landschaften ausgerottet werden, sind leider immer noch genauso virulent wie vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Es wäre vermessen zu glauben, die Aufführung eines Werks wie des „War Requiem“ könne daran irgendetwas ändern. Sie kann es vielleicht in einer nicht messbaren Menge, weil sie dem Schrecken erneut eine Stimme gibt, aber große Hoffnung habe ich da nicht. Wir sehen tagtäglich die schlimmsten Bilder aus Kriegsregionen, und doch ändert sich kaum etwas. Angesichts der zunehmenden Unzufriedenheit mit dem demokratischen System – welches immerhin im größten Teil Europas und Nordamerikas für eine gewisse Weile für einen andauernden Frieden gesorgt hat – und einer fatalen Sehnsucht nach starken Männern ist ja selbst die sicher geglaubte Insel Europa auch wieder ein denkbares Schlachtfeld.

 

 

Vor vielleicht zwei Jahren sprach mich mitten im Trubel eines mitteleuropäischen Bahnhofs eine ältere Dame an und stellte mir unvermittelt eine Frage, die mich damals so beeindruckte wie verwirrte: „Können wir uns sicher sein?“ Und jetzt, vor kurzem, erreichte ich den gleichen mitteleuropäischen Bahnhof, von einem Aufenthalt in der schon in vollster Frühlingsblütenpracht stehenden Schweiz zurückkehrend: Auf allen Bahnsteigen, allen Treppen, in jedem Winkel der großen Halle sah ich ankommende Flüchtende aus der Ukraine. Familien, Alleinstehende, Alte, Kinder, große Gruppen, Einsame, einige mit viel Gepäck, andere nur mit einem kleinen Rucksack. Eine unüberschaubare Zahl, sicher zu groß, als dass die Helfenden an den eilig aufgestellten Informationsständen für alle ein Ohr hätten haben können. Mir schien, als ob vielen dieser Menschen der Ausdruck von Trauer, Angst, Hilflosigkeit, Trotz, aber vor allem von Unsagbarem tief in ihre Gesichtszüge gezeichnet sei. Deswegen möchte ich die oben erwähnte Frage ergänzen und an dich weiterreichen: „Können wir uns sicher sein? Wo? Wo wird dies enden?“

 

Roland Kluttig Ja, mittlerweile hat uns der Krieg hier in Europa erreicht. Man darf nicht vergessen, dass er in entfernteren Regionen immer präsent war, und nein, wir wissen nicht, wo das enden wird.

 

 

Mehr Informationen zu „War Requiem“ finden Sie hier.

Weitere News