Schönheit und Härte: Floris Visser im Gespräch


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Regisseur Floris Visser, der erstmals in Graz inszeniert, im Gespräch über Puccinis „Madama Butterfly“:  

 

Warum steht „Madama Butterfly“ im Ruf, kitschig zu sein, obwohl das Stück ein sehr gut beobachtetes Psychogramm ist?

Vielleicht hat das mit den kulturellen Prägungen des Publikums und der Kritik in verschiedenen Ländern zu tun. Wir Holländer sind durch unsere calvinistische Prägung von einer gewissen Distanz zu den ganz großen Gefühlen und Gesten gekennzeichnet. Und natürlich gab es im Falle der „Butterfly“ auch viele Aufführungen, die uns ein romantisierendes, allzu realitätsfernes, klischiertes Japan zeigten. Alles ein wenig „over the top“ und gleichzeitig historisch nicht korrekt und alles andere als realistisch. Dabei ging es Puccini genau darum, denn Verismo heißt nicht Edelkitsch. Für mich ist „Madama Butterfly“ ein greifbares Portrait einer Frau und eines ganzen Landes im Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt.

 

Wie ist dein Bezug zur japanischen Kultur?

Zwiespältig, sie fasziniert mich und irritiert mich. Ich war drei Mal für einen längeren Zeitraum in Japan, und ich habe mich sofort in das Land und seine Menschen verliebt. Mich faszinieren die japanische Bildende Kunst, der Film, das Theater, die Mode, die Architektur, die Natur … Eigentlich sind fast alle Bereiche des Lebens ästhetisiert, auch die kleinen Dinge des Alltags sind von komplexen Ritualen durchzogen. Und selbst das unvorstellbar grausame Ritual des Harakiris, von zentraler Bedeutung in der Oper, folgt einem strengen Ablauf. Bei allem Sinn für Schönheit treffen wir aber auch auf eine brutale Härte in der Gesellschaft, sehr starre Hierarchien, einen enormen Leistungs- und Erwartungsdruck. Man darf nicht vergessen, Cio-Cio-San wird von ihrer Familie eigentlich verkauft …

 

Eine Figur, der meist wenig Beachtung geschenkt wird, ist das gemeinsame Kind von Cio-Cio-San und Pinkerton …

Der Junge, der zuerst „Schmerz“ und später „Freude“ genannt wird, ist das Ergebnis der Begegnung zwischen Butterfly und Pinkerton. Tragisch ist, dass beide unter „Liebe“ etwas anderes verstehen. In diesem Jungen personifiziert sich der kulturelle Konflikt und drängen sich Fragen nach der Zugehörigkeit, der Heimat, der Prägung geradezu auf. Wie seine Mutter ist er nach ihrem Tod heimatlos, lost in a no-man’s land. Er wird in unserer Interpretation eine zentrale Rolle spielen.

 

Wie sehr hat das schier endlose Warten auf die Rückkehr Pinkertons Butterfly und ihre Umwelt verändert?

Nun, Butterfly verändert sich enorm, sie hält mit aller Kraft an der Idee fest, eine amerikanische Ehefrau zu sein – sie hat sonst nichts mehr, sie hat Familie, Religion, alles verloren. Eine gute Freundin von mir, Elise Wessels, verfügt über eine beeindruckende Sammlung japanischer Kunst. Bei einer Ausstellung im Rijksmuseum sah ich einen Druck aus den Zwanziger Jahren mit einer Japanerin mit modischer Frisur, Zigarette und Cocktailglas. Ich machte ein Photo und notierte „Madama Butterfly, 2. Akt“. Ich sehe in diesem Bild Butterflys Verlorenheit: Sie kann weder Amerikanerin werden, noch aufhören, Japanerin zu sein.

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