Tevje im Rampenlicht


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Endlich einmal reich sein! Ganz ehrlich – wer erhofft sich das nicht? Tevje, der das Schtetl Anatevka mit seinen Molkereiprodukten versorgt, erträumt sich jedenfalls in der bekanntesten Nummer des Musicals „Anatevka“ Reichtum und Anerkennung. Nicht länger müsste er arbeiten, sondern er würde in einem schönen Haus wohnen, der Hof wäre voller Vieh, und in der Synagoge hätte sein Wort Bedeutung. Allein: Nichts davon hat der Herr, mit dem er doch in reger Zwiesprache steht, in seinem Schöpfungsplan für ihn vorgesehen.

Aber ganz ehrlich: Ist denn Tevje wirklich arm? Im materiellen Sinne gewiss, denn sein Pferd lahmt und er muss den Milchwagen selber ziehen. Andererseits: Er kann sich glücklich schätzen, dass er für seine Frau Golde, mit der seine Ehe vor 25 arrangiert wurde, wirkliche Liebe empfindet. Und wenn ihnen der Herr auch keinen Sohn geschenkt haben mag, so sind es fünf Töchter, eine schöner als die andere. Gerade weil mit den Lebensentwürfen der Töchter nicht alles so verläuft, wie es sich Tevje erwünscht haben mag, zeigt sich just in der Beziehung zu ihnen seine emotionale Größe. Denn er akzeptiert, dass Zeitel, seine Erstgeborene, nicht den wohlhabenden Fleischer Lazar Wolf heiratet, sondern Mottel, einen armen, aber grundanständigen Schneider. Dass das auch seine Frau Golde akzeptiert, gelingt nur dank seiner blühenden Phantasie, die sogar die verstorbene Großmutter aus dem Jenseits zurück holen kann. Auch Hodel, die zweite Tochter, kostet ihren Vater einige Überwindung, denn sie entscheidet sich für den revolutionären Studenten Perchik. Die dritte Tochter, Chava, geht ihm allerdings zu weit, indem sie den Christen Fedja ohne Wissen und Einverständnis der Eltern heiratet. Da reißt er sich Chava aus dem Herzen – sie ist für ihn gestorben. Vorerst zumindest.

Selbst als es im Schtetl zu antisemitischen Ausschreitungen kommt, die in der Vertreibung der Bewohner aus ihrer Heimat kulminieren, lässt sich Tevje, der Milchmann, nicht unterkriegen. Dass er auch gehörig feiern kann, beweist er in der zündenden Nummer „L’chaim!“, in der er die Verlobung Zeitels mit Lazar Wolf besiegelt. Damit zu hören war Ivan Oreščanin, der Tevje der Neuproduktion von „Anatevka“ (Premiere: Samstag, 17. Oktober 2020, 19 Uhr), bereits am letzten Wochenende in der Bühnenshow.

Einen optischen Vorgeschmack auf die stimmungsvollen Kostüme des Ausstatterduos Okarina Peter und Timo Dentler gibt es mit dem Entwurf für Tevje zu sehen.

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