Was ist Undine?


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Was ist Undine? Wer ist Undine? So fragten wir uns. Ist sie das seelenlose Meerjungfräulein, besessen vom Wunsch, eine Seele zu gewinnen, ohne die Vorteile oder Nachteile eines solchen Besitzes ermessen zu können?
Kann sie überhaupt sich nach Liebe sehnen, ohne die Liebe zu begreifen? Was treibt sie unter die Menschen? Ist es Neugier, Spielerei, oder ist es der Wunsch des Menschenwesens, der sie heraufbeschwört? Wir kamen auf diese Fragen immer wieder zurück. […]
Was ist Undine? Wie ist es möglich, in einer modernen Großstadt (im Hintergrund der neuen Glaspaläste noch die Trümmer der Katastrophe), in einem modernen Gehirn, gewöhnt an das rationale Denken zwischen Benzintanks und elektrischen Geräten, sich plötzlich an das alte Märchen zu erinnern? Aber ist Undine nur eine Märchenfigur, entfernt sie uns von der Rationalität, trägt sie uns aus dieser Zeit fort – oder existiert sie wirklich zeitlos, ein Geistchen, ein Gefühl von Schwerelosigkeit, ein Rest von Zartheit, der sich erhalten hat und dessen Wahrnehmung als eine nur kleine Ursache unerwarteterweise größere Folgen nach sich zieht?
Wie in ihrer Märchenwelt, wo der Kontrast zwischen heiß und kalt die Spannungen hervorrief, die Trennung von Festland und Wasser, von Gegenständlichem und Erahnbarem, ist ihre Gegenwart in einem heutigen Bewusstsein der Auslöser von Spannungen zwischen Härte und Zartheit, Stahl und Seide, Rohheit und Empfindlichkeit, großstädtischem Massenpathos und einsamen Verlorenheiten. Verlockung und Irrlicht in einem, hat ihr Wesen etwas von der Klarheit der Kristalle, in der sich Jahrhunderte spiegeln und ineinander übergehen.
Die aktive Wiederentdeckung von Werten früherer Kultur und das Aufschreiben solcher Erfahrung in Noten, Texten, Bildern und Tanzschritten kann nur oberflächlich „Romantik“ genannt werden. Ein künstlerisches Verhalten wie dieses, das auf dem Wege der Erneuerung das Ältere zuhilfe ruft, teils aus einem geschichtlichen Kontinuitätsgefühl heraus, teils aus rein ästhetischen Gründen, wie zum Beispiel dem Bedürfnis nach Deutlichkeit, scheint oft unverständlicher oder in seinen Ergebnissen stärker missdeutbar als eine direkte Aufnahme zeitgenössischer Praktiken. Je weiter sich das Feld der Ausdrucksmöglichkeiten nach oben und unten spannt, desto ungreifbarer scheint der Kern, desto schwieriger scheint die Definition dessen, was da gewollt wird, dem Betrachter, vielleicht, weil die Nähe zu groß, vielleicht, weil das Blickfeld zu klein ist, vielleicht, weil die schnellen und unangekündigten Änderungen der Bewegung nicht erfasst werden können, sobald man versucht, auf sie ein nur auf eine Art von Kunstübung oder Kunstauffassung zugeschnittenes Kriterium anzuwenden.

 

Hans Werner Henze, „Undine. Tagebuch eines Balletts“, München 1959

 

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