„Wo komme ich her?“
Im Gespräch mit Regisseur Floris Visser


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Regisseur Floris Visser im Gespräch über Giacomo Puccinis Meisterwerk „Madama Butterfly“, das am 15. Okt 2022 Premiere feiert.

 

Wie geht ihr 2022 mit dem Thema Imperialismus, der Beziehung zwischen zwei fernen und fremden Kulturen und Nationen um?

Wir starten nicht heute, also 2022, aber dennoch ist der Zeitpunkt, an dem unser Abend beginnt, ein uns näher stehender: 1952, der Sohn von Butterfly und Pinkerton ist erwachsen geworden. Er verkörpert im Grunde den Imperialismus, den Kolonialismus, ein Produkt zweier Nationen. Und dann gehen wir mit dem Sohn zurück … und befinden uns nun in den 1920er Jahren, einer Zeit, in der die Aspekte „Tradition“ und „Fortschritt“ Japan sehr beeinflusst haben. Japan war damals ein Land in Verwirrung, ja in einer Art Identitätskrise. Man muss sich klarmachen, dass sich das ferne Reich ja erst Mitte des 19. Jahrhunderts ganz langsam dem Westen – vor allem wirtschaftlich motiviert – geöffnet hat.

 

Der Sohn ist für dich Schlüssel zu deiner Interpretation…

Der Junge, der zuerst „Schmerz“ und später „Freude“ genannt wird, entsteht aus der Begegnung zwischen Butterfly und Pinkerton. In diesem Jungen personifiziert sich der kulturelle Konflikt und drängen sich Fragen nach der Zugehörigkeit, der Heimat, der Prägung geradezu auf. Irgendwann will er wissen, wo er herkommt.

 

Und er versucht seine Erinnerungsfetzen zusammenzutragen.

So ist es. Im Erinnerungsraum des Museums spürt er den wenigen Momenten nach, die ihm von seiner Mutter blieben.

 

Es ist auch eine Frage des Blickwinkels, ob fremde Einflüsse gut oder schlecht sind.

Das ist es immer, bei jeder Form des Zusammentreffens fremder Kulturen und Traditionen. In Japan spaltete die Einmischung der USA die Gemeinschaft in zwei Fronten: Begeisterung und Abscheu. Im Westen entstand ebenfalls eine Faszination für das fremde Ferne. Es war die Geburtsstunde des „Japonismus“. Und ohne diesen hätten wir nicht so wunderbare Werke wie „Madama Butterfly“! In der Oper treffen wir auf Figuren, die sich zwischen den Fronten bewegen – wir sehen japanische Kleidung und dann einen britischen Hut, einen Stock, der aus der westlichen Kultur stammt. Zum Beispiel bei Goro, der versucht, für sich das Beste aus beiden Welten herauszuholen. Oder Onkel Bonzo, der dagegen das alte Japan verkörpert.

 

Im ersten Akt wird Cio-Cio-San von ihrer Familie an den Navy-Offizier verkauft – in eine „Ehe auf Zeit“: Pinkerton kann sich von ihr und dem Haus, welches er für 999 Jahre gemietet hat, monatlich trennen. Cio-Cio-San wird oft als naiv, ja fast „dumm“ angesehen, weil sie diese Ehe auf Zeit nicht versteht.

Ja, man kann es so lesen, dass sie 15 und naiv ist. Diese „Ehe“ ist ihre letzte Chance. Ihre Familie lebt in Armut und ist sozial deklassiert, seit sich ihr Vater aus Gründen der Ehre das Leben nahm. Sie hätte es besser wissen können, aber sie ist die eine unter Millionen … Ich denke, dass sie Pinkerton wirklich liebt. Vom ersten Augenblick an. Und in diese Liebe gibt sie sich völlig hinein. Sie will mit aller Kraft, dass das funktioniert.

 

Viele amerikanische Offiziere haben diese Situation genutzt, benutzt. Das soll das nicht rechtfertigen, aber in der Welt, der Pinkerton angehört, denkt man nicht oder nicht viel über die andere Seite nach.

Sie gibt ihr Herz und denkt, es ist für die Ewigkeit. Für ihn ist es morgen wieder vorbei, es hat keine Gültigkeit. Er genießt den Moment und die Verzauberung. Im Liebesduett sagt er am häufigsten „Vieni! Vieni!“ – der Höhepunkt der Hochzeit ist die Liebesnacht, er will sie ins Bett kriegen. Körperliche Liebe. Er will sie nehmen. Und besitzen. Und das ist leider auch heute noch verbreitet, bei vielen Männern, in vielen Kulturen. Und diese Seite Pinkertons, dieses Ausnutzen, das muss gezeigt, nicht beschönigt werden. Es gibt heute immer wieder eine Diskussion darüber, ob man das zeigen darf, also diese Form des Imperialismus: Ja! Denn nur so können wir darüber sprechen. Man muss den Clash der Kulturen im Zeit- und Gesellschaftskontext sehen und verstehen.

 

Und Butterfly steht zwischen den Fronten, sie zerbricht letztlich daran.

Sie macht es sehr extrem. Sie schwört ihrer alten Welt ab und will völlig Amerikanerin sein. Wie eine Ersatzreligion. Ihre Familie ist wiederum hypokritisch, sie verkauft sie, sie braucht das Geld des Amerikaners und hofft, dadurch den Status, den sie durch den Selbstmord des Vaters verloren hat, wieder zu erlangen.

Die Frauen sollen die Lösung finden. Erst sind sie Geishas – das sind keine Huren, das sind Gesellschaftsdamen, sie müssen Geld verdienen, dann werden sie verkauft. In dem Moment, in dem aber Butterfly die Liebe ernst nimmt, versucht, sich in diese Ehe zu integrieren, reagiert die Familie hypokritisch. Das Geld hat sie genommen, doch als sie sich integrieren möchte, die fremde Religion annimmt, wird sie verstoßen.

 

Beide Kulturen kommen bei Puccini nicht gut weg.

Nur Butterfly. Der einzige Fehler, den sie macht, ist, dass sie der Realität nicht ins Auge schauen kann.

 

Dass sie wartet. Drei Jahre!

Ich verstehe das. Ich erinnere mich noch genau daran, wie es war, als mein Herz das erste Mal gebrochen wurde. Ich wollte nicht aufgeben. Ich hatte immer noch Hoffnung. Selbst wenn ich noch heute mal nachts wach liege, denke ich darüber nach, dann kommt das Gefühl von damals zurück. Das vergisst man nie.

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