Oper

Die Passagierin

Mieczysław Weinberg

Oper in zwei Akten, acht Bildern und einem Epilog

Libretto von Alexander Medwedew, nach dem gleichnamigen Roman von Zofia Posmysz

In deutscher, polnischer, französischer, tschechischer, jiddischer, russischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

 

Empfohlen ab 15 Jahren.

 


Content

Basierend auf der autobiographischen Novelle von Zofia Posmysz erzählt diese Oper von Lisa und ihrem Mann Walter, die sich in den sechziger Jahren auf einer Schiffsreise von Deutschland nach Brasilien befinden: Die Sonne scheint, man lacht, flirtet, tanzt … Plötzlich meint Lisa, unter den Passagieren Marta – eine einstige KZ-Insassin – zu erkennen. Immer mehr vergessene Melodien, Gesichter, Berührungen und Narben drängen an die Oberfläche ihres Denkens, bis es schließlich kein Zurück mehr geben kann und wir mit ihr nach Auschwitz zurückkehren, ins Jahr 1944, als die Geschichte dieser beiden Frauen begann, die auf immer miteinander verbunden sein sollten. Für die Rolle der Lisa kehrt das ehemalige Ensemblemitglied Dshamilja Kaiser zurück nach Graz und trifft hier auf Nadja Stefanoff in der Rolle der Marta, die uns zuflüstert: „Und ihr, meine Freunde, seid auch bei mir … Wenn eines Tages eure Stimmen verhallt sind, dann gehen wir zugrunde.“
Unter Chefdirigent Roland Kluttig brodelt das Orchester und erschafft ein Kaleidoskop der Emotionen und Erinnerungen: Die Frage nach Schuld und die erneute Begegnung mit der Vergangenheit werden von Mieczysław Weinberg, der seine Familie im Holocaust verlor, in berührende Harmonien überführt, die uns mithineinziehen in den unvorstellbaren Wahnsinn dieser Zeit.

 

Ohren auf! Regisseurin Nadja Loschky und Dramaturgin Marlene Hahn im Gespräch über die Oper „Die Passagierin“, erstellt von Lukas Mimlich 

 

 

 

Maßnahmen der Oper Graz gegen die Ausbreitung des Corona-Virus

 

Übersichtsflyer zum Rahmenprogramm zur Oper Die Passagierin

Besetzung

Pressestimmen

„[…] ‚Die Passagierin‘ von Mieczyslaw Weinberg an der Grazer Oper ist essenzielles Theater und schon jetzt Aufführung des Jahres […] Loschky findet Bilder für das niemals endende Grauen dieser Todesmaschine, lässt die Gespensterfrauen aus dem KZ den alt und grau gewordenen Naziblondschopf Lisa heimsuchen, arbeitet mit naturalistischen Holocaust-Zitaten (Kleiderhaufen) und Symbolischem (Menschen in Vitrinen). Mit Dshamilja Kaiser steht eine fulminante Lisa, eine zum Befehlen geborene Herrin zur Verfügung, ein gerundeter, charaktervoller Mezzo, warm und ohne Härten, während Nadja Stefanoff eine intensiv leuchtende Passagierin Marta singt. Wie überhaupt die aus Gästen und hauseigenem Ensemble zusammengesetzte Sängerschar bis in die kleinste Rolle überzeugt. Will Hartmann als entgeisterter Ehemann und Diplomat, Markus Butter als samtweicher Tadeusz, die optisch ihrer Individualität verlustig gegangenen KZ-Insassinnen, deren einzelne Auftritte Erinnerungen an ihre Menschlichkeit wecken (Tetiana Miyus, Antonia Cosmina Stancu, Anna Brull, Mareike Janowski, Sieglinde Feldhofer, Joanna Motulewicz), die grotesk verzerrten SS-Karikaturen in Breeches und mit Seitenscheitel (Ivan Oreščanin, David McShane, Martin Fournier) – sie alle gemeinsam formen diesen Abend zu einem wahren Triumph des Musiktheaters. Roland Kluttig beeindruckt bei seiner ersten Grazer Premiere als Chefdirigent. Die inhomogen wirkenden Teile dieser von Schostakowitsch inspirierten, aber viel introspektiveren, weitgespannten Musik zwischen kompletter Reduktion und Ausdünnung, knalliger Attacke, schillernden Lyrismen, intensivster Dramatik bis hin zu der an zentraler Stelle eingearbeiteten Chaconne aus Johann Sebastian Bachs Geigenpartita Nr. 2 werden vom Dirigenten souverän zusammengehalten und von den Grazer Philharmonikern exzellent musiziert. Die Grazer Oper startet mit diesem Stück, das eigentlich bereits im März aufgeführt hätte werden sollen, glanzvoll in die Saison. Es ist letztlich kein Betroffenheitstheater, das seine Zuseher in moralische Geiselhaft nimmt und auf Rührung abzielt, sondern meisterhaftes Musiktheater, das eigentlich Unbegreifliches darzustellen trachtet und aufrüttelt. Man kann sich dem Jahrtausendverbrechen tatsächlich auch in Gestalt der großen Oper nähern. Und das ist die überraschendste Erkenntnis eines aufschreckenden Abends.“ (Kleine Zeitung)

 

 

„[…] Dshamilja Kaiser als Lisa beeindruckt mit expressivem Spiel und charaktervoller Stimme. Ihr Mann ist mit Will Hartmann solide besetzt. Nadja Stefanoff ist eine intensive Marta, ihren Verlobten Tadeusz hört man bei Markus Butter mit weichen aber tremoloreichen Bariton. Auch die vielen kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Die Musik von Weinberg – der seine gesamte Familie im Holocaust verloren hat – kann mit berührenden Harmonien in den unvorstellbaren Wahnsinn dieser Zeit hineinziehen, mit Elementen der Zwölftonmusik, lyrischer Folklore über Jazz, Walzer bis hin zu Bruchstückhaftem. Der neue, exakt agierende Chefdirigent Roland Kluttig lässt bei den Grazer Philharmoniker ein wunderbar farbig schillerndes Kaleidoskop der Emotionen und Erinnerungen entstehen.“ (Kurier)

 

 

„[…] Die Oper Graz hat mit der Passagierin eine Jahrhundertaufführung. […] In der Rolle der Passagierin (ob es wirklich Lisas „Marta“ war, lässt das Libretto offen) brilliert sängerisch und darstellerisch Nadja Stefanoff: Wenn nach relativ langer Spieldauer mit den tieferen Stimmen zum ersten Mal ihr Sopran erstrahlt, versteht man zugleich, was für eine Lichtfigur diese charismatische Frau für ihre Mitgefangenen gewesen sein muss. ‚Der Mensch ist doch ein Mensch. Darin liegt unsere Hoffnung.‘ “ (Drehpunkt Kultur)

 

 

„[…] Roland Kluttig schafft es mit dem groß aufspielenden Orchester, die zarten, intimen Momente aus dem Lager mit dem lockeren Swing auf dem Schiff zu einer stimmigen Einheit zu verschmelzen, der immer ein bedrohlicher, düsterer Unterton anhaftet. Mit Dshamilja Kaiser (Lisa) und Nadja Stefanoff (Marta) stehen zwei herausragende Sängerinnen zur Verfügung, die ihren Rollen auch darstellerisch eine ungemeine Tiefe und Differenziertheit verleihen. Beeindruckend besetzt sind die Lagerinsassinnen (u. a. mit Anna Brull, Sieglinde Feldhofer, Joanna Motulewicz); Tetiana Miyus Aufschrei „Vergesst uns nicht“ geht durch Mark und Bein. Beklemmend der Tadeusz von Markus Butter, der zumindest kurz die Musik durch die Vereinnahmung der Nazis retten kann, perfekt besetzt auch Will Hartmann als Walter. Ein eindringlicher, 75 Jahre nach Kriegsende wichtiger Abend, der das erfüllt, was große Oper können soll: Er berührt tief.“ (Kronen Zeitung)

 

 

„[…] Die grünlich weiße Einheitsszene (Bühnenbild: Etienne Pluss) suggeriert einen Archivraum der persönlichen Erlebnisse und Biografien – ein Symbol für die von Erinnerung, Albträumen, vor allem von schlechtem Gewissen gefütterten Hirnwindungen. Laden, Kästen, Türen, gar Depots für Leichen. Missbrauch, Schändung und Demütigung werden hier abgehandelt, ebenso wie Arroganz und Sadismus der Nazis. […] Unter dem neuen Chefdirigenten Roland Kluttig gelingt den Grazer Philharmonikern und einer brillanten Besetzung eine eindringliche, aufwühlende Wiedergabe. Als Sängerschauspieler bewähren sich Dshamilja Kaiser als wandlungsfähige Lisa, besonders Nadja Stefanoff als gepeinigte Marta, Markus Butter als intensiver Tadeusz sowie Tetiana Miyus (Katja) – stellvertretend für stimmlich bestens versierte Lagerinsassinnen. […]“ (Die Presse)

 

 

„[…] So multiperspektivisch wie die Musik ist auch die außerordentlich behutsame, genaue, jedem Klischee abholde Inszenierung angelegt: als episodenhafte, sich überlagernde, verschwimmende, immer wieder albtraumhaft gebrochene Kette von Erinnerungen, diffus und zugleich konkret genug, ein irritierendes Vexierspiel, das im raffiniert sich wandelnden, grauen Einheitsraum von Etienne Pluss, situationsklar ausgeleuchtet von Sebastian Alphons, und den zeittypisch präsent charakterisierenden Kostümen von Irina Spreckelmeyer seine passgenaue bildlich-szenische Entsprechung findet: Teamwork von bemerkenswerter Homogenität. Die Grazer Oper jedenfalls eröffnete diese für alle Theater so besondere Saison mit einem nachhaltig starken Zeichen: ein wichtiger, großer Abend.“ (Salzburger Nachrichten)

 

 

„[…] Die Bilder, Gefühle und auch die Töne, die auf der Bühne des Grazer Opernhauses entstehen, sind von bewegender Intensität. Allen voran fesseln eine gesanglich makellose Dshamilja Kaiser (als mittlere Lisa) und Nadja Stefanoff als Marta. Auch das restliche Solistenensemble ist von einer vokalen Ausgewogenheit und Klasse, dass man einfach nur staunen kann: Tetiana Miyus (Katja), Antonia Cosmina Stancu (Krystina), Anna Brull (Vlasta), Mareike Jankowski (Hannah), Sieglinde Feldhofer (Yvette) und Joanna Motulewicz (Bronka). Belebend der vibratoselige Schneid von Will Hartmann (als Walter), rund der Bariton von Markus Butter (als Tadeusz). Die an Wendungen und Farben reiche Partitur des Werks erwecken die Grazer Philharmoniker unter Roland Kluttig zu neuem Leben. […]“ (Der Standard)

 

 

“ […] Extra hervorzuheben ist die stimmliche Spitzenbesetzung. Dshamilja Kaiser lässt kraftvoll eine Lisa hörbar werden, die zwischen Verzweiflung und Verteidigung ihre Tuns schwankt. Ihr zur Seite Will Hartmann als Walter, der auf seine eigene Karriere mehr als auf den Gefühlszustand seiner Frau bedacht ist. Nadja Stefanoff verkörpert eine kluge, unbeugbare, jedoch hilfsbereite Marta, deren lyrische Stimme extrem einnehmend wirkt. Ihr Verlobter Tadeusz findet mit Markus Butter eine perfekte Besetzung. Sämtliche weitere Solistinnen ergänzen stimmlich ebenso fulminant das Ensemble – jede einzelne mit bestechender Klangfülle und Präzision, Wärme, Kraft und geforderter Zerbrechlichkeit zugleich […].“ (european cultural news)

 

 

„[…] Wie großartig das Ensemble der Grazer Oper ist, kann man mit Freude feststellen, wenn man die Qualitätsstimmen von Martas Mitgefangenen (Antonia Cosmina Stancu als Krystina, Anna Brull als Vlasta, Mareike Jankowski als Hannah, Sieglinde Feldhofer als Yvette und Joanna Motulewicz als Bronka) hört; jede von ihnen formte auch ein sehr individuelles Portrait der sehr unterschiedlichen Gefangenen. Dazu kommt noch Tetiana Miyus als Katja: eine Engelsstimme in der Hölle von Auschwitz. […] Die Grazer Philharmoniker präsentierten sich ebenfalls in Bestform, wunderbar erklangen solistische Details aus dem Orchestergraben. Kluttig lotete die vielschichtige Musik gefühlvoll aus, entlockte dem Orchester in den intimen Momenten zarte Klänge, ließ in den Tanzszenen an Bord des Schiffes das Orchester so richtig swingen, und sorgte in den bedrohlichen Szenen für einen düsteren Ton und mächtige Klangeruptionen. Ein berührender, ein wichtiger, ein großer Abend. […]“ (Der Neue Merker)

 

 

„[…] Die MezzosopranistinDshamilja Kaiser,zu Beginn der Oper als Lisa in mittlerem Alter und anscheinend glücklich verheiratet mit ihrem Walter, dem sehr sympathisch wirkenden Tenor Will Hartmann,mit dem sie von Deutschland nach Brasilien reist, wo er einen Diplomatenposten einnehmen soll, gestaltet ihre Erinnerungen, die nicht weichen wollen, bezwingend. DassWeinberg nicht einen Bariton oder Bass als Ehemann gewählt hat, mag damit zu begründen sein, dass die helle Männerstimme „unschuldiger“ klingt als ein dunkleres Organ, und auf Lisa wohltuend wirkt. Der – in allen verwendeten Sprachen – überaus wortdeutliche Gesang bleibt nicht auf das Ehepaar beschränkt. Bald erfreut uns auch bei allen übrigen Solisten dieser Vorzug, nicht zuletzt dank der sehr sangbaren Komposition. Nie werden die Stimmen vom Orchester zugedeckt, immer jedoch emotional unterstützt. Das lässt sich allem Anschein nach mühelos nicht nur vom Dirigenten Roland Kluttig mit den Grazer Philharmonikern problemlos umsetzen, sondern tut es wohl mit jedem anderen Klangkörper auch, weil mit Zugriff auf unterscheidliche Klangwelten sehr einfühlsam und bühnengerecht komponiert.
Dass in dieser Inszenierung ein weit älteres Double der Lisa stumm agiert – großartig von der SchauspielerinIsabela Albrecht dargestellt, die aus fernerer Sicht den Gang der Ereignisse mit- bzw. nacherlebt, ist ein vortrefflicher Einfall der Inszenatoren. Sie ermöglicht es uns, die Notwendigkeit sowohl gehorsamen als auch durchdachten Verhaltens besser zu verstehen, indem sie Handlangerdienste, wie z.B. die Aufbewahrung der Musikinstrumente und dann deren Weiterreichung tätigt. Oder weit schlimmer: die Kleider und Schuhe der ermordeten Frauen sorgsam stapelt und dann in die unzähligen Kästen verstaut. Die Figur könnte von der überlebenden, jetzt  97-jährigen polnischen Autorin des Romans, Zofia Posmyszinspiriert sein (…) Der vonBernhard Schneider einstudierteChor tat ein Übriges, um der „großen Oper“ dienlich zu sein.
Weinbergs Instrumentation ist meisterhaft. Alle Instrumentalgruppen finden den jeweils passenden Einsatz, ob für Zartes, Gefühlsintensives, Besinnliches, Grausames, Gewaltsames, Erschreckendes, oder stilles, nie erlahmendes Schuldbewusstsein – das ist Musik zum Anhören und zum Hineinhören, die zum Denken ebenso anregt, wie sie uns aufwühlt.
Alle diese geglückten Vorgaben eins zu eins umgesetzt zu haben, dafür ist der Inszenatorin Nadja Loschky ebenso wie der BühnengestalterinEtienne Plussund der KostümbildnernIrina Spreckelmeyerdem Licht-Verantwortlichen Sebastian Alphons und für die szenische Einstudierung Nick Westbrock sowie den bereits genannten Dramaturginnen von Herzen zu danken. Und nicht zuletzt der IntendantinNora Schmid,die – noch dazu unter den erschwerten  Bedingungen des „Abstandhaltens“ – die vom letzten Frühjahr auf diesen Herbst verschobene Aufführung ermöglicht hat!“  (Online-Merker)          

 

 

„Er [Roland Kluttig] leitete die Grazer Philharmoniker zu einer breiten Palette an Klangfarben und einer differenzierten Gestaltung an, wobei er insbesondere die konträren Stimmungen und Ereignisse der Handlung plastisch unterstrich. So trafen harsche Klänge auf transzendente Passagen und üppige Opulenz auf reduzierte Schlichtheit. Wieder einmal konnte auch der Chor unter der Leitung von Bernhard Schneider seine hohe Qualität unter Beweis stellen: Wie er in wunderbarstem Piano den Gequälten und Ermordeten eine Stimme lieh, ging wahrhaftig unter die Haut. In der Rolle der ehemaligen KZ -Aufseherin Lisa kehrte Dshamilja Kaiser an die Grazer Oper zurück. Sie packte alle widersprüchlichen Regungen des Charakters – von Verdrängung über Reue bis hin zu mangeln­ dem Schuldbewusstsein – in die Darstellung und die vokale Gestaltung. Ihr samtig timbrierter Mezzo schillerte in warmen Farben, vermochte aber auch die Abgründe mit stählernem Kern und dramatischem Aplomb auszudrücken. Nadja Stefanoff überzeugte als Marta mit gleichmäßigem Sopran, wobei sie Verzweiflung und Hoffnung gleichermaßen vermittelte. Ein Highlight war ihre Gestaltung der letzten Szene, in der sie mit weich strömender Stimme· gegen das Vergessen der Opfer ansang. Die gemeinsam mit Marta inhaftierten Frauen waren aus dem Ensemble sehr gut besetzt, wobei insbesondere Tetiana Miyus als lyrische Katja sowie die drei Mezzosopranistinnen Anna Brull, Antonia Cosmina Stancu und Mareike Jankowski stimmschön auffielen. […] Musik ist wohl der beste Weg, um Unaussprechliches auszudrücken, und so leistet dieses Werk einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der Neuzeit. […]“(Oper!)

 

 

„[…] Diese multiperspektivische Anlage bestimmt wesentlich die Formen- und Klangsprache der Oper, und sie ist bestimmend auch für die beeindruckende Grazer Realisierung durch den neuen Opernchef Roland Kluttig und Regisseurin Nadja Loschky. Kluttig legt sein Augenmerk auf die sorgfältig aufgeschlüsselten strukturellen Elemente der Partitur. Es sind vornehmlich die mustergültig herauspräparierten solistischen Details, die sich einprägen in einem, zugegeben, manchmal auch episch ausgebreiteten Strom der klanglichen Gedanken und Gestalten. Man horcht mit dem exzellent eingestellten Orchester aber genau hinein in die charakteristischen Valeurs, die mit den dramatischen Elementen exakt austariert sind – und die sich hier perfekt treffen mit der behutsamen, genauen, jedem Klischee abholden Inszenierung.
Etienne Pluss hat dafür einen einheitlichen, grauen Erinnerungsraum geschaffen, der sich zwischen Symbol und Konkretion vexierbildhaft vom Schiff zum Lager (ver-)wandeln, ineinander greifen kann. In ihm werden die Gespenster der Vergangenheit beklemmend lebendig, ohne je der Gefahr des Stereotypen zu erliegen. Die Korrespondenz zwischen Musik und Szene, in die sich auch Kostüme (Irina Spreckelmeyer) und Licht (Sebastian Alphons) eingliedern, ist von präzise unaufdringlicher Tiefe und Dichte. Nicht aus den Augen lassen kann man dabei eine stumme Figur, die Loschky hinzuerfunden hat: die alte Lisa (Isabella Albrecht), die wie eine Spielmacherin aus der Gegenwart auf ihre Geschichte schaut und sie im Rückblick arrangiert, kein aufgesetztes Addendum, sondern sinnfällige Erweiterung der Erzählperspektive.
Großartig aus dem Wort (je nach Erzählebene wird in sieben Sprachen gesungen) und auf den Punkt authentisch gestalten auch die Protagonistinnen ihre Parts: Dshamilja Kaiser als zwischen den Zeiten zerrissene Lisa und Nadja Stefanofff als quasi zeitlose, berührend intensiv gestaltende Marta. Will Hartmann als Diplomat Walter und Markus Butter als Martas internierter Geliebter Tadeusz, der es wagt, dem Lagerkommandanten statt seines Lieblingswalzers Bachs berühmte d-Moll-Chaconne vorzuspielen (und dafür stante pede mit dem Tod bezahlt), erfüllen die Männerpartien klar profiliert. Jede noch so kleine Episodenrolle, insbesondere das famose Sextett von Martas Mitgefangenen, ist punktgenau besetzt. Ein wichtiger, großer Abend.“ (Opernwelt)

 

 

„[…]. Intelligent und subtil gestaltet Nadja Loschky ihre Regie. Die Bühne von Etienne Plus bleibt den gesamten Abend unverändert, ein schmuckloser, weiß vergilbter Raum dient als Lager sowie das Innere eines Schiffes. Die Monotonie im Bild steigert die Dramatik und lässt die beiden Zeitebenen geschickt verschmelzen. Lagerwärter, Lagerinsassen, Schiffsgäste und – personal erscheinen gleichzeitig auf der Bühne und treten in beiden Zeitebenen auf. Genauso ausgeklügelt ist die Personenregie, die große Momente der intimen Nähe, der schicksalhaften Macht und Machtlosigkeit im Raum kreiert. All das gelingt dem großartig agierenden Sängerensemble umzusetzen. Dshamilja Kaiser präsentiert ihren kräftigen Mezzosopran in klarer Färbung als unbelehrbare Lisa. Darstellerisch wird die Rolle in mehrfacher Besetzung umgesetzt. Isabella Albrecht ist die alte Lisa, die den gesamten Abend sehr markant auf der Bühne begleitet und zuletzt auch ein paar Worte spricht. Viktoria Riedl ist die junge Lisa, die in militärischem Drill ihr Unwesen treibt. Will Hartmann ist ihr Gatte Walter, der am Geständnis Lisa zu zerbrechen scheint. Tief sitzt sein Tenor mit baritonalem Timbre. Wohl versteht er den zumeist als Sprechgesang gefassten Part gesanglich auszukleiden. Nadja Stefanoff gelingt als Marta die überzeugendste Darstellung des Abends. Mit Grandezza erträgt sie die Erniedrigungen, im Stolz ungebrochen. Weich und lyrisch tritt sie mit Markus Butter in der Rolle ihres Verlobten Tadeusz auf.
Als ihre Mithäftlinge im Lager verströmen Eva Maria Schmid als Katja, Antonia Cosmina Stancu als Krystina, Anna Brull als Vlasta und Sieglinde Feldhofer als Yvette betörenden Gesang der Verzweiflung, aber auch der inneren Verbundenheit im todbringenden Schicksal. Die Lagerszenen ergreifen musikalisch und haften im Gedächtnis des Zuhörers.
Einen großen Opernabend hat das Grazer Opernhaus gestaltet und damit einem Werk, das seine Stellung in der Opernliteratur zurecht hat, zu weiterer Bekanntheit und insbesondere seiner gesellschaftspolitischen Aussage wiederum eine Stimme gegeben. Großer Beifall beim Publikum und Begeisterung für die Künstler. Ein ergreifender Abschied, bevor Kultur wieder von Politikern weggesperrt wird, eine gesellschaftspolitische Aussage, die auch in diesem Werk steckt.“ (O-Ton Kulturmagazin mit Charakter)

 

 

„[…] Seit Beginn der Intendanz der Schweizerin Nora Schmid im Jahr 2015 widmet sich das Haus kontinuierlich dem Randrepertoire – mit dem Erfolg durchweg hoher Auslastungszahlen. Hinter diesem Erfolg steckt ein schlüssiges dramaturgisches Konzept. […] Roland Kluttig am Dirigentenpult nimmt sich viel Zeit für solche Passagen, deren innere Ruhe in umso schärferem Kontrast zum grausamen Geschehen steht. Auch die geradezu atavistischen Stellen der Oper sind bei Kluttig in sicherer Hand, der die überaus homogen tönenden Grazer Philharmoniker zu aufpeitschenden Klängen animiert.
Kluttig ist selbst Sohn eines Dirigenten, hat in Berlin mit dem Kammerensemble Neue Musik höchste Expertise im zeitgenössischen Repertoire und als Generalmusikdirektor am Theater Coburg viel Erfahrung mit dem Traditionsbestand der Oper sammeln können. Seit Beginn dieser Saison ist er Chefdirigent in Graz. […]
Den Nerv der Zeit treffen bereits jetzt die Inszenierungen. In Weinbergs „Passagierin“ gelingt dies der Regisseurin Nadja Loschky durch einen klugen Schachzug: Sie flankiert Lisa (die resolute Dshamilja Kaiser) mit ihrem jugendlichen Alter Ego im KZ und mit ihrer heutigen Gestalt als alte Frau, die sich an das Vergangene erinnert (den Schauspielerinnen Viktoria Riedl und Elfriede Liebethat). Dadurch werden die Spuren des vergangenen Grauens in unserer Gegenwart sichtbar. Tröstlich immerhin, dass die alte Lisa ihr einstiges Handeln bereut. Mit Produktionen wie dieser würde sich die Oper Graz nach 2018 eine erneute Nominierung beim Opera Award verdienen.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 

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