
Einblicke in die degenblitzende Operettenproduktion
Das Glück, auf der Bühne zu stehen
Schauspielerin und »Kopf des Jahres 2025 « der Kleinen Zeitung in der Kategorie Kultur, Agnes Zenz, tritt heuer in der inklusiven Produktion von Ralph Benatzkys degenblitzender Operette Die drei Musketiere auf.

Wie war es für dich, dass die Grazer:innen dich zum Kopf des Jahres der Kleinen Zeitung gewählt haben?
Es hat mich sehr, sehr gefreut, dass einige für mich gevotet haben. Auch meine ganze Familie und Freunde haben mitgemacht. Alle haben mich darauf angesprochen. Es war ein wunderschönes, geiles Gefühl, dass man mich ausgewählt hat. Ich bin eine talentierte Frau, und es ist schön, wenn die Menschen das sehen können. Ich bin selbst auf mich stolz dafür.
Was ist es für ein Gefühl, auf der Bühne zu stehen?
Ich freue mich immer, auf der Bühne zu sein und dass das Publikum mich auf der Bühne sehen kann. Es ist schön, in eine andere Rolle zu schlüpfen, das macht einfach Spaß. Wenn ich auf der Bühne stehe, geht in mir die Sonne auf.
In Die drei Musketiere spielst du die Manon – was ist das für eine Figur?
Manon ist die Nichte der Kardinälin und das Kindermädchen des kleinen Königs. Sie ist eine neugierige Person. Sie ist frech, stark, mutig und witzig, ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Wenn ich in Manon hineinschlüpfe, bin ich nicht mehr Agnes, sondern werde aufmüpfiger und listig. Manon spielt eine entscheidende Rolle für den Verlauf der Geschichte.
Was gefällt dir besonders an der Produktion?
Es ist sehr interessant, mit anderen Menschen zu spielen, die keine Beeinträchtigungen haben. Das macht Spaß und ist eine neue Welt für uns alle. So lernt man Leute immer besser kennen. Die Sänger:innen von der Oper haben so wunderschöne Stimmen, wow! Ich habe außerdem noch nie mit Orchester gesungen. Das ist aufregend, spannend und interessant. Es klingt gleich so anders. Meine Lieder gehen richtig flott, da habe ich fast meine Wörter verschluckt. Aber ich versuche, in diesem Orchestersturm mitzuhalten. Ich höre in meinem Solo-Lied meine wunderschönen Töne heraus, da geht es mir so richtig gut. Und unseren Regisseur Georg Schütky liebe ich. Es ist so lustig mit ihm zu arbeiten, auch wenn er zwischendurch immer etwas an den Texten verändert. Er ist ein richtiger kleiner Spitzbub!
Für Freiheit, Wein und Torten!
Regisseur Georg Schütky im Gespräch mit Produktionsdramaturgin Laura Bruckner

Viele deiner Arbeiten entstehen in Zusammenarbeit mit Laiendarsteller:innen, -chören und inklusiven Ensembles, die im klassischen Theaterbetrieb nur selten auf der Bühne zu finden sind. Wie bist du zum inklusiven Theatermachen gekommen?
Es hat mich immer schon fasziniert und ist mir ein Bedürfnis, Reibungen in den Theaterbetrieb zu bringen und Oper mit ihr unbekannten Elementen zu konfrontieren. Bereits während meines Regiestudiums habe ich beispielsweise mit einer Gruppe Rentner:innen zusammengearbeitet. 2021 durfte ich dann die Dorfoper Die Nacht von Allerheiligen in meinem Heimatdorf gemeinsam mit knapp 60 Lai:innen und Profis aus der Dorfgemeinschaft realisieren. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass diese Kunstform es verträgt und braucht, nicht nur aus sich selbst heraus neue Gedanken zu schaffen und Welten zu entwickeln, sondern immer wieder auch die Konfrontation mit dem realen Leben zu suchen und dabei Menschen einzubeziehen und zu erreichen, die bisher nicht von Oper angesprochen wurden.
Schon früh im Entstehungsprozess der Produktion war klar, dass es ein Werk von Ralph Benatzky sein soll, dem du dich mit der Theaterakademie LebensGroß widmest. Warum ausgerechnet Operette, warum Benatzky?
Nachdem die Theaterakademie LebensGroß 2022 im Rahmen der Beggar’s Opera zum ersten Mal ein Projekt mit der Oper Graz realisiert hatte, gab es zwei Möglichkeiten, wie die nächste Zusammenarbeit hätte aussehen können: Die erste Option wäre eine Neukomposition gewesen, die die unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse aller Beteiligten in einem musikalischen Ganzen aufgreift und bedenkt. Nach vielen Überlegungen schien es uns aber richtig, vor einer Neukomposition noch einen Zwischenschritt einzulegen und an einem bereits existierenden Stück zu arbeiten. Für unser Vorhaben bot sich die Gattung Operette an, die per se keine geschlossene musikalische Form ist, sondern unterschiedlichste Elemente wie Dialog, Tanz und Gesang auf die Bühne bringt und eine Struktur aufweist, die Eingriffe und Veränderungen erlaubt. Hierfür schienen mir Benatzkys Berliner Operetten der 1920er- und 1930er-Jahre mit ihrem revuehaften Charakter besonders passend. Nicht zuletzt haben diese Stücke durch ihre Anpassbarkeit etwas Zeitloses, sodass sie auch 100 Jahre nach ihrer Uraufführung noch aktuell und lebendig sein können. Zudem schien es mir reizvoll, ein beliebtes Sujet wie die Musketiere aufzugreifen und dazu neue Zugänge zu finden.
Worin liegt für dich der Kern der Musketier-Geschichte?
Intensiv auseinandergesetzt haben wir uns vor allem mit dem Thema Held:innentum. Die Geschichte stellt von sich aus Fragen wie: Wer rettet mich? Wer ist für mich da? Zu wem schaue ich auf? Gleichzeitig finden wir darin auch sehr empowernde Gedanken: In welcher Form bin ich selbst ein:e Held:in? Inwieweit bin ich als Individuum Teil eines großen Ganzen und trage dafür Verantwortung? Zentral für das Stück ist zudem die Beschäftigung mit monarchischen, totalitären Regierungsformen. Was als Befragen von Systemen und Machtkonstellationen auf den ersten Blick abstrakt wirkt, tauchte in unseren Proben immer wieder als Frage auf und wurde diskutiert. Insbesondere für die Spieler:innen mit Beeinträchtigung, die in unserer Gesellschaft kaum Sichtbarkeit erfahren, stellt der Musketier-Stoff in besonderer Weise zentrale, teils ganz persönliche Fragen: Wer bin ich eigentlich in dieser Gesellschaft? Welche Rolle kann und möchte ich spielen? So wird zum Kern unserer Erzählung, dass jeder Mensch das Recht hat, an der Ausübung von Macht zu partizipieren und in der Gesellschaft eine Stimme zu haben. Während sich die Frage nach Teilhabe bei der Beggar’s Opera in erster Linie noch auf den Raum des Musiktheaters bezog, öffnen wir mit den Musketieren den Blick auf die Gesellschaft. Die Frage lautet nicht mehr nur »Wem gehört die Oper«, sondern »Wem gehört die Welt?«. Damit verbunden stellen wir – anders als noch in der Beggar’s Opera – nicht mehr nur selbstreferenziell die Frage nach dem Platz, den Menschen mit Beeinträchtigung im Opernbetrieb einnehmen können. In den vergangenen drei Jahren haben die Spieler:innen hier ihren Platz gefunden, sodass die Frage nun auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gestellt wird.
Was für ein Verständnis von Politik und Gesellschaft findet sich in Benatzkys Musketieren?
Es ist erstaunlich, wie akkurat das Stück mitunter auch heutige Zustände analysiert. In verschiedenen Konstellationen wird verhandelt, wie Macht funktioniert. Diskrepanzen zwischen den Bedürfnissen einer Privatperson und deren Rolle innerhalb eines Staates werden aufgezeigt sowie hinterfragt, inwieweit beides voneinander getrennt werden kann. Welche Rolle spielen persönliches Leid und privates Verlangen in Machtfragen – eine Frage, die unsere Welt fast täglich beschäftigt. All dies wird dabei in einer Geschichte verhandelt, die Zuschauer:innen jeden Alters packt, sodass die Fragen nicht in einem rein theoretischen Diskurs verharren, sondern in einer Abenteuergeschichte erlebbar gemacht werden.
Dumas’ Musketiere gehören zu den meistverfilmten Romanen aller Zeiten, beinahe jede:r hat ein Bild von den drei Titelhelden vor sich. Inwieweit haben die zahlreichen Adaptionen deine Annäherung an den Stoff beeinflusst?
Nachdem unser Bühnenbildner Daniel Angermayr, Kostümbildner Wieland Lemke und ich zunächst den Eindruck hatten, eine gewisse Distanz zu den gängigen Sujets und den allseits bekannten Bildern zu benötigen, fanden wir doch rasch einen Umgang mit der konkreten historischen Verortung der Geschichte, ihrem Frankreich-Bezug und dem imperialen Setting. Schon bei Dumas präsentiert die Erzählung keine historisch genauen Fakten. Seit die Geschichte der Musketiere das erste Mal niedergeschrieben wurde, hat man sie mit historischen Bildern angereichert, diese Verweise jedoch transformiert, verfremdet und daraus eine eigene Welt geschaffen. Ähnlich ist man im Fall der Operette vorgegangen: Auch hierbei handelt es sich in erster Linie um eine erfundene Fortsetzung der Musketier-Geschichte, die einzelne Motive des Romans aufgreift. Diesen Umgang mit dem Stoff haben wir in unserer Inszenierung aufgegriffen und angereichert mit Bildern, die uns passend erschienen, wie etwa die Parallele zwischen der Verehrung der Musketiere und heutiger Rockstars. So findet sich in unserer Umsetzung des Stückes ein Eklektizismus, indem Codes aus unserer Kulturgeschichte, die gut zu der Held:innengeschichte passen, aufgegriffen und in die Musketier-Welt eingefügt wurden.
Inwieweit war es dir ein Anliegen, den Mythos der Musketiere und deren Überhöhung zu brechen?
Dieser Bruch geschieht bereits ohne bewusstes Eingreifen durch die Figuren, die neben den Musketieren in dem Stück auftauchen – wenn es darum geht, wer hier Held:in ist, herrscht durchaus Konkurrenzkampf. Allen voran ist es Manon, die in ihrem unbekümmert-emanzipierten Auftreten eine Heldinnengeschichte par excellence erzählt. Zudem trägt die Besetzung unserer Musketiere dazu bei, dass das Bild der klassischen Held:innen in Frage gestellt wird. In der einzigartigen Konstellation aus Helena Käfer, Tobias Spiegl und János Mischuretz zweifelt man keine Sekunde an dem Held:innen-Sein der drei Darstellenden, und doch erzählen sie eine Geschichte abseits der üblichen Musketier-Klischees.
Was bedeutet es für dich, Held:in zu sein?
Für mich sind Held:innen Menschen, die mir das Menschsein in einer Form spiegeln, durch die ich Mut gewinne. Diese Menschen können die unterschiedlichsten Geschichten und Biografien aufweisen – sie alle haben die Kraft in sich gefunden, Dinge zu überstehen, die ich gar nicht für möglich halten würde. Manche von ihnen haben auch die Fähigkeit, über unsere Welt zu erzählen in einer Form, die ich mir nicht vorstellen kann. Für mich hat Held:innen-Sein viel damit zu tun, diesem Leben, das mitunter von negativen Erfahrungen und Zuständen geprägt ist, etwas Positives abzuringen und sich darin immer wieder selbst zu bestärken. Gleichzeitig würde ich gerne vermeiden, Held:innen zuzumuten, dass sie immer Held:in sein müssen. Stattdessen sollten wir das Heldische in einzelnen Momenten suchen und finden. Viele solcher held:innenhafter Momente habe ich auch auf unseren Musketier-Proben entdeckt.
Wie hast du die drei Musketiere als Individuen gezeichnet?
Über die verschiedenen Adaptionen des Stoffes hinweg haben die drei Figuren zwar leichte Veränderungen und Anpassungen erlebt, doch ihre Charakterzüge lassen sich deutlich ausmachen. Gleichzeitig fließen natürlich auch die Persönlichkeit und das Temperament der Darsteller:innen in die Figuren ein und prägen beispielsweise den Humor und die Körperlichkeit des Charakters. Mit Helena Käfer lernen wir einen höchst neugierigen, sympathisch-besserwisserischen, schelmischen Aramis kennen, während dem Porthos von Tobias Spiegel eine geradezu philosophische Seite innewohnt, die inmitten des abenteuerlichen Treibens immer wieder innehalten lässt und dazu einlädt, über das Dasein nachzudenken. János Mischuretz wiederum verkörpert einen hellwachen und zugleich situativ fürsorglichen D’Artagnan, der stets die Welt um ihn herum – und irgendwann verstärkt auch Königin Anna – im Blick hat. So ergeben sich drei höchst unterschiedliche Musketiere, die einander wunderbar ergänzen.
In Dumas’ Roman werden Frauenfiguren eher problematisch dargestellt, und auch Held:innentum per se ist in der Regel maskulin codiert. Wie „heldisch“ treten die Frauenfiguren in deiner Inszenierung auf?
Für unsere Fassung haben wir die beiden Frauenfiguren Manon und Miotte zusammengelegt, um erstere zu stärken. Entstanden ist eine Manon, die Nichte der Kardinälin, die munter durch die Welt geht und – entgegen der Annahme ihrer Tante – alles andere als eine gehorsame, fromme Klosterschülerin ist, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine »selfmade woman«, durch deren Augen wir große Teile der Geschichte erleben. Manon steht für sich ein und tritt aktiv handelnd auf, anstatt die Dinge mit sich geschehen zu lassen. Sie ist neugierig und sieht die Welt als Ort voller Möglichkeiten. Insbesondere gegenüber Autoritäten wie ihrer Tante oder der Königin ist sie selbstbewusst, beinahe aufmüpfig und sehr direkt und trägt damit ein quasi prärevolutionäres Selbstverständnis in sich. Bei all dem weist sie aber auch eine hohe emotionale Intelligenz auf. Von Anfang an ist klar, dass Manon eine mindestens genauso heldische Rolle in der Geschichte einnimmt wie die Musketiere. Als weitere Heldin bewegt sich Leona durch das Stück. Selbstbewusst und erfolgreich geht sie ihrer Tätigkeit als Spionin und Kämpferin nach – typisch für eine:n Held:in. Im Verlauf der Handlung erfahren wir aber, dass auch Leona innere Krisen austrägt und von Themen wie Emanzipation und Befreiung umgetrieben wird. So gerät sie immer mehr in einen Konflikt mit ihrem Dasein im Dienst der Kardinälin. Für sie stellen sich höchst aktuelle Fragen: Wo ist neben dem Beruf Platz für Freundschaften und Beziehungen? Wer bin ich abseits meines Jobs? Wie unabhängig bin ich wirklich? Und wie kann ich meine Zukunft selbstbestimmt gestalten?
Aktuelle Themen wie die Vereinbarkeit von Care-Arbeit und Karriere werden auch in der Figur der Königin verhandelt …
Auch die Königin und die Kardinälin sind Heldinnen. Am Ende des Stückes wird augenscheinlich, dass die Funktionen und Talente der beiden notwendige Bestandteile einer funktionierenden demokratischen Ordnung sind. Sowohl das strategische Geschick der Kardinälin als auch das Verantwortungsbewusstsein, die Umsichtigkeit, Empathie und Ehrlichkeit von Königin Anna angesichts großer Bedrohungen sind entscheidend für die Weiterentwicklung und das Vorankommen einer Gesellschaft.
Wie seid ihr mit Benatzkys Operette umgegangen, um sie passgenau für das Ensemble auf die Studiobühne zu bringen?
Aus verschiedenen Gründen war eine Bearbeitung des Stückes notwendig. Zum einen musste die Stückdauer von ursprünglich über vier Stunden stark reduziert werden. Zum anderen mussten die Rollen so besetzt und angepasst werden, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten der Darstellenden zum Vorschein kommen können und einander ergänzen, um letztlich eine mixed-abled Produktion im besten Sinne auf die Bühne zu bringen. Auf Basis dessen fanden im Sommer 2025 erste Improvisations-Workshops mit den Spieler:innen der Theaterakademie LebensGroß statt, bei denen Textmaterial generiert wurde, das entweder als O-Ton in die Fassung eingeflossen ist oder zumindest das Timbre und das Idiom der Figuren eingefangen hat. Nicht nur die Texte haben wir für unsere Zwecke bearbeitet, auch auf musikalischer Ebene wurde ein passgenaues Arrangement für die Darstellenden und ein Orchester mit elf Musiker:innen angefertigt. Die Stärken der Spieler:innen bestmöglich einzusetzen, war dementsprechend auch das Ziel von Arrangeur Siegmund Andraschek, der sich durch Probenbesuche und die Begegnung mit unseren Darstellenden für seine Arbeit hat inspirieren lassen. So entstand eine Fassung, die bis zu den Endproben immer wieder befragt und angepasst wurde. Von den Beteiligten erforderte dies große Flexibilität und Mut, doch erst diese Offenheit und das Vertrauen aller ermöglichten es, auf die Bedürfnisse der Spieler:innen, die bis dato kaum Erfahrung im professionellen Musiktheaterbetrieb hatten sammeln dürfen, reagieren zu können. So schlägt sich der inklusive Gedanke auch in der Fassung und deren Entstehungsprozess nieder.
Wie gehen wir aus dem Stück heraus?
Ich würde mir wünschen, dass wir im besten Fall schon in den ersten Sekunden vergessen, dass wir uns in einem Raum befinden, in dem der Großteil der Rollen von Menschen mit Behinderung gespielt wird. Stattdessen soll das Publikum komplett in die Welt der Musketiere eintauchen und – im besten Fall – im Nachhall der Vorstellung denken, dass sie eine große Abenteuergeschichte mit empowernder Botschaft erlebt haben – und dass wir Held:innen wie die, die wir hier auf der Bühne erleben, dringend brauchen.
© Eduard Haberl
Probeneinblicke aus der Produktion »Die drei Musketiere«
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